Einführende Texte zum Matriarchat


An dieser Stelle sei zunächst auf eine Artikelreihe von führenden MatriarchatsforscherInnen in der Zeitschrift KursKontakte verwiesen:
http://www.kurskontakte.de/article/category/cat_415022b1b987c.html

Für den Einstieg empfiehlt sich insbesondere Heide Göttner-Abendroths Eröffnungsrede zum Kongress der Matriarchatsforschung „Gesellschaft in Balance“, der im September 2003 in Luxemburg stattfand.
http://www.kurskontakte.de/article/show/article_418a85afc9b31.html
(Falls die Autorin ihr Einverständnis gibt, wird der Artikel an dieser Stelle in voller Länge wiedergegeben.)

NEU: Im Juni 2006 führte ich mit Heide Göttner-Abendroth ein Gespräch über die auf Mama-Anarchija.net vorgestellten Ideen. Das Interview wurde dann in der Ausgabe 146 der Zeitschrift Kurskontakte veröffentlicht und stellt nun einen zentralen Text dieser Website dar. Download PDF. An dieser Stelle möchte ich bekanntgeben, dass meine Bemühungen, eine Annäherung von Matriarchatsforschung und Anarcho-Gemeinde herbeizuführen, erste Früchte tragen. Sowohl Heide Göttner-Abendroth als auch auf der Seite der Anarchisten Horst Stowasser zeigen sich einander sehr aufgeschlossen und sind momentan (August 2006) damit beschäftigt, die Bücher des jeweils anderen zu lesen! Für einen späteren Zeitpunkt ist ein Treffen vorgesehen.

Bernd Hercksen von Reform-Portal.de schreibt über die "Rückkehr des Matriarchats" (RTF)

Dank der Großzügigkeit des Journalisten und Buchautors Geseko von Lüpke kann hier nachfolgend die Abschrift eines Gespräches wiedergegeben werden, das er mit der Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, Heide Göttner-Abendroth, im Rahmen einer Recherche für eine Radiosendung über das Matriarchat geführt hat. Nicht nur für thematische Neueinsteiger sehr interessant!


Interview mit Heide Göttner-Abendroth
Von Geseko von Lüpke

Download RTF

Geseko von Lüpke: Lange Zeit hat man der Matriarchatsforschung vorgeworfen, sie rekonstruiere eine Vergangenheit, die es nie gegeben hat. Sind diese Vorwürfe mit dem ersten Weltkongress, den sie kürzlich in Luxemburg organisierten, verstummt? Fängt da eine wirkliche Akzeptanz an?

Heide Göttner-Abendroth: Die Matriarchatsforschung  hat schon immer die Geister gespalten. Und der Weltkongress  hat die Geister noch mehr gespalten. Wir erwarten keine Akzeptanz von der traditionalen herkömmlichen Wissenschaft, sondern wir haben mit dem Weltkongress begonnen eine alternative „Scientific Community“ aufzubauen, die mit dieser Thematik zu tun hat. Denn es gibt sehr viele Ansätze zu neuer Wissenschaftlichkeit und es wurde nun ein Anfang gemacht, diese Ansätze zu versammeln. Es handelt sich ja in der Matriarchatsforschung um ein neues Paradigma im besten Sinne. Laut Thomas Kuhn müssen wir nicht auf die Vertreter des alten Paradigmas warten, denn die werden das neue Paradigma nie akzeptieren. Wir werden stattdessen mit denen Netze bilden und zusammenarbeiten, die längst ihren Fuß auf den Boden von wissenschaftlichem Neuland gesetzt haben.

Wenn sie jetzt von einem „neuem Paradigma“ in Bezug auf die Matriarchatsforschung  sprechen, dann wirkt das ja erst mal wie ein Widerspruch, weil wir die Matriarchate als etwas Ur-Vergangenes verstehen. Das spricht ja eher dafür, dass die Matriarchatsforschung  nicht eine exotische Beschäftigung mit längst vergangenen Kulturformen ist, sondern für die heutige Welt eine enorme Relevanz hat ... ?

Ja, mit neuem Paradigma ist hier folgendes gemeint: Mit der Matriarchatsforschung   entdecken wir mehr und mehr eine frühe Kulturepoche, die einige Jahrtausende gewährt  hat und die die Basis jeder späteren Kulturentwicklung ist. Matriarchale Muster und Gedanken heben auch in den patriarchalen Zeiten noch lange weiter gewirkt. Und noch heute haben wir matriarchale Gesellschaften in den meisten Kontinenten. Wenn wir einen solchen Blick entwickeln, ist das ein völlig anderes Geschichtsbild als wir es bisher kannten. Und was unsere Geschichte so tiefgreifend umkrempelt, krempelt auch unsere Weltsicht um. Denn wenn wir mal nicht mehr davon ausgehen, dass patriarchale Muster – das heißt Herrschaftsmuster, Gesellschaften mit Hierarchie und Dominanz – das Naturgegebene und Ewige sind, sondern wenn genau das sich als spätentwickelt zeigt, verglichen mit einer viel älteren Sozialordnung vorher, dann krempelt das unsere gesamte Weltsicht um. Und das ist das Charakteristikum eines Paradigmas: dass eine völlig neue Weltsicht entsteht.

Welche Relevanz können die in der Vergangenheit entdeckten Kulturformen für unsere heutige Gesellschaf besitzen?

Das Interessante an matriarchalen Gesellschaften ist, dass sie – im Gegensatz zur landläufigen  Meinung – keine Umkehrung des Patriarchats sind. Das heißt, matriarchale Gesellschaftn sind eben nicht der Ersatz der Männer-Herrschaft durch Frauenherrschaft, sondern das sind faszinierenderweise Gesellschaften, die völlig ohne Herschafft  auskommen. Sie beruhen auf  sehr intelligente soziale Spielregeln, die uns zu denken geben können. Ich will mal einige nennen: Da wäre beispielsweise eine Egalität der Geschlechter, die gleichzeitig die natürlichen Unterschiede respektiert. Das heißt, Unterschiede werden nicht  zu Hierarchie und Abwertung oder Aufwertung genutzt, sondern zu einer gegenseitigen Balance im Bewusstsein des Reichtums der Menschheit, auch  der Natur. Oder im Politischen: Sämtliche politischen Entscheidungen beruhen auf Konsensbildung. Das müssen wir uns mal vor Augen führen! Das ist demokratischer als jede Demokratie  die wir kennen. Oder solche spirituellen Prinzipien, wie die Heiligung alles Lebens. Das sind Gesellschaften, die nicht dazu neigen,  die Mitgeschöpfe  auszubeuten oder abzuschlachten oder überhaupt die Biosphäre auszuplündern. Vielmehr betrachten sie die Biosphäre – inklusive der Menschen – als etwas Göttliches. Darum heiligen sie die Erde und nehmen nur das, was sie brauchen und geben dafür auch etwas zurück. Dies sind einige der Grundprinzipien auf denen matriarchale Gesellschaften beruhen, die völlig konträr sind zu dem, was wir in Patriarchaten kennen. Und es sind Prinzipien, die uns für die Zukunft Anregungen geben können. Vor allem brauchen wir bei der Matriarchatsforschung nicht nach abstrakten Utopien zu suchen, die ja von Philosophen oft genug entwickelt worden sind und doch nie funktioniert haben. Wir haben in matriarchalen Gesellschaften – die wir ja noch in der Gegenwart studieren können – einen jahrtausendealten Wissensschatz der Menschheit vor uns: einen Schatz des sozialen Zusammenlebens und des Umgangs mit Leben und Natur. Ein Wissensschatz der verschüttet ist und der so wichtig ist, dass es  an der Zeit ist, dass er wieder auftaucht, wertgeschätzt wird und auch gebraucht wird.

Können wir da mal in konkretere Bereiche reingehen. Zum Beispiel: Wie funktionieren matriarchale Gesellschaften auf der ökonomischen Ebene? Ich nehme an, dass matriarchale Ökonomie nicht auf dem Paradigma der Konkurrenz und des endlosen Wachstums begründet ist, das wir ja heute praktisch als gottgegeben annehmen…?

Das ist eine sehr zentrale Frage. Wir kennen patriarchale Gesellschaften grundsätzlich als Akkumulationsgesellschaften. Da wo Herrschaft ist, wird auch auf der Seite von wenigen akkumuliert. Das heißt, der Reichtum von  Allen landet immer auf der Seite von Wenigen. Ob es sich nun um Monarchien, Oligarchien, Kapitalismus oder Globalisierung handelt –  es ist immer dasselbe Prinzip. Matriarchale Gesellschaften haben hingegen eine Ökonomie, die auf der Balance von allen an der Ökonomie beteiligten Menschen aufbaut. Das heißt, sie haben sehr genaue Spielregeln, wie die Güter umlaufen, um einen ständigen Austausch herzustellen. Ich nenne sie deshalb „ökonomische Ausgleichsgesellschaften“. Ich will mal ein kleines Beispiel nennen: Matriarchale Gesellschaften bestehen ja aus verschiedenen Clans. Und die können beim Handel oder beim Ackerbau unterschiedliches Glück haben, und dadurch kann  eine Differenz im Wohlstand entstehen. Es gibt in matriarchalen Gesellschaften dann die Regel, dass die momentan mehr im Wohlstand lebenden Clans verpflichtet sind, die großen Feste der Gemeinschaft auszurichten. Auf diesen Festen haben sie die Pflicht, alle zu verköstigen und alle mit den Freuden eines Festes zu versorgen. Dieses Prinzip geht reihum. Das hat Veronika Bennholdt-Thomsen die „Ökonomie der Feste“ genannt. Man kann sich vorstellen, dass auf diese Weise ein ständiger bewusster Ausgleich der Güter passiert, so dass ein  beginnender Unterschied im Wohlstand sich überhaupt nicht zementieren kann, sondern er wird sofort nivelliert durch das  Prinzip, sich zu verschenken, zu verausgaben für die anderen Dorf- oder Stadtgenossen bei einem Fest.. Mit einem solchen Prinzip des Verschenkens von einem relativ höheren Wohlstand gewinnen die Leute natürlich keinerlei Profit, aber sie gewinnen Ehre. Und Ehre heißt im Matriarchat, dass prosoziales Verhalten anerkannt wird. Wenn ein solcher Clan dann seinerseits mal Unglück hat beim Handel oder beim Ackerbau, dann wird er kein Problem haben, denn dann sind andere wohlhabendere Clans zur Stelle, die bei Festen ihre Güter verschenken oder sogar dem verarmten Clan helfen. Das ist eine Ausgleichsökonomie die diametral jeder patriarchalen Akkumulations-Ökonomie entgegensteht.

Was Sie erzählen, lässt vermuten, dass sich dann daraus auch ganz andere Beziehungsstrukturen innerhalb des Clans und zu den Nachbarclans ergeben müssen ... Wie funktionieren Matriarchate auf der sozialen Ebene?

Das ist ein kompliziertes Feld. Aber die soziale Ebene, das sind natürlich die Hauptcharakteristika für matriarchale Gesellschaften, daran erkennt man sie am ehesten. Die Grundeinheit ist hier nicht die Kleinfamilie, sondern das ist der Clan, ein größeres Gefüge von Menschen, das von zehn Leuten bis zu einhundert Leuten reichen kann. Diese Clans sind aufgebaut nach dem Prinzip der mütterlichen Verwandtschaft. Das heißt, sie sind alle in Mutterlinie miteinander verwandt, wohnen zusammen in einem großen Mutterhaus, sind gleichzeitig eine Wirtschaftseinheit und sind mit den anderen Clans des Dorfes verbunden und vernetzt durch bestimmte Heiratsregelungen und Liebesbegegnungen. Das Interessante ist, dass in einem Matri-Clan Frauen und Männer zusammen leben, die sich in der Mutterlinie als verwandt betrachten. Sie sind sich die Allernächsten in allen Fragen des Lebens, der Ökonomie, die Lebenssicherheit. Gefühlsmäßig am nächsten stehen sich natürlich Mütter und Töchter und Söhne, aber auch Schwestern und Brüder. Demgegenüber sind die Liebespartner oder die Gattinnen und Gatten, die in einem anderen Clan oder in einem anderen Dorf wohnen. Es ist nicht üblich, zu diesen zu ziehen, denn man bleibt im Mutterclan wohnen. Die Männer kommen zu ihren Gattinnen oder Freundinnen über Nacht und man tauscht Liebe aus. Die Ethnologie nennt das „Besuchsehe“ –  ein merkwürdiger Begriff, weil es sich dabei gar nicht um Ehe handelt. Matriarchale Frauen nennen diese Form der Liebe „frei“, weil sie frei ist von ökonomischen und irgendwelchen Prestigezwängen. Die Geliebten  gehen dann wieder zurück in ihr Mutterhaus. Männer haben insofern bei ihren Gattinnen keine Rechte – sie sind im Haus der Gattin zu Gast. Sie haben ihre Rechte im Mutterhaus, denn dort haben sie auch Pflichten. Ihre Rechte beziehen sich etwa auf die Mitbestimmung im Konsensmodell und sie besitzen Rechte der Autorität bei der Miterziehung der Schwesterkinder. Um da mal so kurze Beispiele zu nennen.

Wenn Sie sagen, Matriarchate sind auf der ökonomischen Ebene Ausgleichsgesellschaften, dann sind es auf der politischen Ebene Konsensgesellschaften?

Sie können sich vorstellen, dass in einer Ausgleichsgesellschaft auf ökonomischer Ebene nicht sehr viel Konkurrenz entstehen kann, denn das Grundprinzip ist eben Balance und Ausgleich und nicht Erraffen von Reichtum bei einem Ego oder einem Stamm oder einem Clan. Auf diesem Boden ist das Konsensmodell in der Politik überhaupt nur möglich. Wenn wir heute eine Akkumulationsökonomie haben, werden wir nie Konsens erreichen, denn es gibt ja immer einige, die für ihr Ego sorgen und dafür die Güter der meisten an sich raffen. Die  werden nie im Konsens mit anderen eine Übereinstimmung erreichen. Auf dem Boden der Ausgleichsökonomie geht das aber mit der Konsenspolitik. Und das heißt nichts anderes als das sämtliche Mitglieder einer kleineren oder größeren Gemeinschaft – das geht vom Clan über das Dorf oder die Stadt bis zur Region – politische Entscheidungen in Einstimmigkeit  fällen. Dafür haben sie komplizierte, komplexe und sehr interessante Regeln des Informationsaustausches und auch eine gewisse Leitung, damit das Konsensmuster auch klappt. Aber es geht nur so: Man kann nur entscheiden, wenn zu einer bestimmten Frage alle ihre Zustimmung gegeben haben. Das  muss man sich mal vorstellen! Ich werde manchmal gefragt, warum klappt das  bei uns nicht? Die Frage habe ich schon beantwortet: Weder haben wir eine Ausgleichsökonomie, noch haben wir ein soziales Gefüge, wo zwischen den Geschlechtern oder zwischen den Generationen eine Vertrauensbasis gegeben ist. Bei uns sind die Dinge mit Unterschieden und Spaltungen besetz – die Abspaltung von Männern und Frauen, von Jungen und Alten, da geht das nicht.

Sie sprachen vorhin schon mal diese ganz andere spirituelle Ausrichtung an, in der letztlich alles heilig ist. Gleichzeitig ist doch das Matriarchat aufgebaut auf einem Göttinnen-Glauben. Wie  gehen matriarchale Gesellschaften dann mit Polaritäten – männlich und weiblich, hell und dunkel, arm und reich, Natur und Geist – überhaupt um?

Es gibt eine grundsätzliche Verwechselung, die auch sehr stark von feministischen Theologinnen mitgefördert worden ist. Diesesw Missverständnis besagt, dass in den matriarchalen Gesellschaften der Vatergott im Himmel nun durch die Muttergöttin im Himmel ersetzt werden könnte. Das ist grundsätzlich falsch. Denn es gibt in der matriarchalen Spiritualität überhaupt keine Trennung von Gott und der Welt. Welt selbst ist göttlich – die gesamte Welt, so wie sie ist. Jeder Stern und jeder Stein, jeder Baum und jedes Blatt, jeder Grashalm, jedes Tier, jeder Mensch, ob weiblich oder männlich, ist göttlich, weil die Göttin nichts anderes ist, als die gesamte Welt. Insofern ist das eine Vorstellung von Immanenz und nicht von der Transzendenz, die zu dem intoleranten Monotheismus geführt hat, den wir ja von den patriarchalen Weltreligionen kennen. Wir müssen uns mal vorstellen, was das heißt! Wenn ein Mensch zum Beispiel einen anderen Mensch verletzt, verletzt er damit ein göttliches Wesen. Oder wenn  er ein Tier verletzt, verletzt er ein göttliches Wesen. Das bringt eine bestimmte spirituelle Haltung, und auch entsprechende Rituale mit sich. Die Menschen haben ja auch in matriarchalen Gesellschaften Tiere gejagt und sie brauchten die Pflanzen – aber diese Wesen muss man auf der spirituellen Ebene versöhnen. Sie werden sogar verehrt. Man kennt das von den matriarchal geprägten indianischen Völkern: Ich nehme mal das Beispiel mit der Maismutter. Der Mais ist  für uns eine Nutzpflanze, die man für die Tiermast hernimmt. Das ist unsere Vorstellung. Der Mais ist bei den indianischen Völkern, spezielle bei den Hopi ein göttliches Wesen. Bei den Irokesen heißt die Maispflanze „Schwester Mais“ – sie ist eine Schwester der Menschen. Bei den Hopi ist es sogar die Mutter, denn der Mais ernährt die Menschen. Die Schwester respektiert man und die Mutter verehrt man. Und die Maismutter wird verehrt, weil sie sich verschenkt um die Menschen zu ernähren. Das ist ein göttliches Geschenk und dafür wird sie verehrt und heilig gehalten – das ist ein schönes Beispiel dafür. Ausbeutung oder Natur als ein Objekt zum Plündern zu betrachten, ist bei einer solchen Spiritualität und Mentalität unmöglich.

Und jetzt noch zur Frage, warum matriarchale Gesellschaften eine Göttin verehren? Die gesamte Welt wird als göttlich-weiblich betrachtet. Wenn also von Göttin geredet wird, so ist  das Universum die Göttin, die Erde ist die Göttin, alles ist Göttin. Aber die Göttin hat wie die Mutter ja verschiedene Polaritäten hervorgebracht. Frauen gebären ja nicht nur Frauen, Frauen gebären Frauen und Männer. Nach matriarchaler Vorstellung, kommt die Polarität aus Frauen als dem umfassenderen Prinzip hervor. Und so ist das auch in der matriarchalen Spiritualität. Aus der gesamten Welt als Göttin gehen alle Polaritäten hervor: Sommer – Winter, hell – dunkel, weiblich – männlich usw. Aber, alle Polaritäten sind eben auch ein Teil des Göttlichen.

Wenn das jetzt so gesehen wird, dass praktisch alles heilig ist, dann gibt es ja auch nicht – wie in unserer Kultur – eine Trennung zwischen heilig und profan …

Nein, das ist nicht möglich und das wirkt sich im praktischen Leben enorm aus. Sodass jede  Handlung, die wir als funktional oder alltäglich oder banal betrachten, für diese Menschen ein Ritual ist. Also wenn Männer auf den Acker gehen und säen, dann ist das für sie ein Ritual, nämlich ein Zwiegespräch mit Mutter Erde. Oder wenn Frauen weben, ist das für sie auch ein Ritual, weil sie mit dem Weben symbolisch die Fäden des Lebens fügen. Kochen ist ein Ritual, auch auf Handelsreise zu gehen ist ein Ritual. Handelsreisen werden meistens mit Pilgerreisen verbunden oder sind beides gleichzeitig. Das heißt, alles ist im Rahmen von Heiligkeit  aufgehoben, die Handlungen werden nicht abgespalten und werden nicht profaniert. Ich möchte darauf hinweisen, dass das Profanieren von bestimmten Bereichen typischerweise mit Beginn des Patriarchats aufkommt – und das aus einfachem Grund. Denn das was man profaniert, kann man auch benutzen. Im Matriarchat kann man nichts benutzen oder instrumentalisieren oder zum Ding oder zum Objekt abwerten, weil eben alles im Kontext der Spiritualität heilig ist

Matriarchale Gesellschaften bauen doch auf ein zyklisches Weltbild auf, in dem Prozesse nach dem Schema von Tod und Wiedergeburt zu Ende gehen und neu beginnen. Wie wirkt sich das auf die rituellen und sozialen Handlungen aus?

Der zyklische Ablauf des Vegetationsjahres wie auch der Lichterscheinungen am Himmel – also Sonnenjahr und Mondmonat – war für sie grundlegend. Das haben sie der Natur abgeschaut, die sich ja auch in Zyklen bewegt und nicht linear. Es ist sehr  interessant, was daraus kulturell wird. Ihr Jahreskalender der Feste ist ein Zyklus, aber sie gehen nicht davon aus, dass immer dasselbe wiederkehrt Es ist sehr interessant wie ihre Auffassung von Geschichte dabei ist. Denn wenn ein Volk nur zyklisch denken würde, dann würde es ja gar kein Geschichtsbewusstsein entwickeln können. Sie haben aber ein sehr ausdrückliches Geschichtsbewusstsein, nur nicht im Rahmen einer linearen Geschichte. Geschichte entwickelt sich für sie auch zyklisch. Das heißt ein Kreis schließt sich nicht immer, sondern geht eigentlich in spiralförmiger Bewegung immer woanders hin. Wohin, weiß man nicht genau. Aber man folgt der Entwicklung. Wenn sie in ihren Festen die Agrarzyklen der Erde feiern, haben sie auch Teile wo sie ihre eigene Geschichte feiern und immer wieder szenisch darstellen. Drum sage ich, diese Feste sind so etwas wie ein inszeniertes Geschichtsbuch – nur brauchen sie für ihre Geschichte keine Bücher zu lesen. Indem man Geschichte wieder inszeniert  und sich erinnert was war, wird sie gleichzeitig ein gegenwärtiges Moment und erzeugt gleichzeitig eine Vision für die Zukunft. Das ist ihre Geschichtsvorstellung

Welche Bedeutung haben in diesem  Zusammenhang Übergangsriten und Initiationen?

Das ist jetzt die menschliche Sphäre, die sie sich auch zyklisch vorstellen. Die Übergangsrituale sind wesentlich und werden auch gefeiert, weil sie das Leben sich in verschiedenen Stadien entwickeln sehen und nicht als linearer Ablauf oder gar als eine lineare Karriere. Initiation ist ein wesentliches Ritual, wo die Kindheit endet und der junge Mensch in das Erwachsenenleben hineinkommt. Dann gibt es mehrere Rituale auch bei älteren Menschen. Ältere Frauen zum Beispiel feiern sehr oft, getragen von ihrem Clan, Verdienstfeste, wo sie die anderen beschenken und damit auch die Würde ihres Alters zeigen können. Tod und Bestattung sind auch Übergangsrituale. Das Interessante ist aber, dass mit Tod und Bestattung das  Leben nicht endet. Sondern Tod und Bestattung sind der Übergang eines Menschen in die Anderswelt. Hier schließt sich auch für sie das zyklische Denken. In der Anderswelt leben die Ahnen weiter, manchmal stellt man sich das spiegelbildlich zum diesseitigen Leben vor und sie kehren wieder. Sie kehren wieder in den Geburten der Frauen des eigenen Clans. Insofern wird jedes Kind – jedes Mädchen, jeder Knabe – betrachtet als eine wiedergeborene Ahnin oder ein wiedergeborener Ahn. Das Leben endet nicht mit dem Tod, man kann genausogut sagen: Der Tod endet mit dem Leben. Denn sie haben eine tiefe Vorstellung von Wiedergeburt und Leben, und Tod und Leben gehen ständig zyklisch auseinander hervor.

Welche Bedeutung hat in die in fast allen matriarchalen Gesellschaften vorkommende „Dreifache Göttin“?

Die Dreifaltigkeit der Göttin in matriarchalen Gesellschaften ist eine spätere differenzierte Entwicklung – denn das Matriarchat hat ja eine mehrtausendjährige Geschichte. Und in dieser mehrtausendjährigen Geschichte ist es ja auch nicht immer das Selbe geblieben, sondern es hat in einfachen Formen begonnen und sich dann zu sehr komplexen städtischen Gebilden und auch Bünden von Städten entwickelt. Die Urvorstellung im Matriarchat ist die Vorstellung der Göttin als Universum, die kosmische Göttin. Ich will mal ein Beispiel benennen Die alte ägyptische Göttin Nut ist ja immer noch das Universum in Person der Göttin. Die andere Urgöttin ist die mütterliche Erde: Mutter Erde, ein Begriff, den wir heute noch haben – die Erde die alles Leben, das sie trägt, gebiert und ernährt. Matriarchale Völker sind der Meinung, dass das eigentliche Leben- und Daseinschöpfende eben das weibliche Prinzip ist. Das männliche Prinzip ist für sie sekundär. Das ist keine Abwertung, sondern  in den Polaritäten kommt es eben erst einen Schritt später vor, weil es eben nicht das umfassende Prinzip ist. Es gilt dann nicht als das lebensschöpfende, sondern als das lebensmittragende und lebensschützende Prinzip. So verhalten sich zum Beispiel auch matriarchale Frauen und Männer zueinander, vor allem Brüder und Schwestern. Brüder betrachten sich als die Schützer der Schwestern, die wiederum durch ihre Kinder das leben des Clans verlängern, als lebensschöpferisches Geschlecht.

Zur dreifaltigen Göttin: Die Vorstellung von der Urgöttin hat sich dann differenziert, so wie sich die matriarchale Kultur differenziert hat. Man hat sich dann ein komplexeres Bild vom Universum gemacht, was in der Forschung das „Drei-Stockwerk-Weltbild“ genannt wird. Das hatten ja noch die alten Völker: Oben der Himmel, in der Mitte die Erde und Unten die Unterwelt. Diese drei Zonen der Welt, die ja auch spirituelle Zonen der Welt sind, stellten sie sich vor als von weiblichen göttlichen Kräften regiert, bewohnt, getragen oder geschaffen. Im Himmel ist es die lichte jugendliche Göttin, die Mädchengöttin, die alle Lichter bringt und das Licht schenkt. Die Erde und das Meer mit ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit werden der Göttin in Gestalt der schöpferischen Frau zugeordnet. Und die Unterwelt oder Anderswelt mit ihren Geheimnissen der Transformation von Leben in Tod und Tod in Leben wird der alten weisen Göttin zugeschrieben, der Göttin des Todes und der Wiedergeburt, der Transformerin. Das ist im Grunde nur eine Differenzierung der Vorstellung von der Welt als etwas umfassend Heiligem in bestimmte Zonen, die bestimmten Charakteristika der Göttin zugeschrieben werden. Es sind aber eigentlich nicht drei getrennte Gestalten, sondern es ist einfach die Dreiheit in Einer. Wenn wir Bilder haben der dreifachen Göttin – das schönste ist das Bild von der dreifachen Hekate: Da sieht man eine Frauengestalt mit drei Köpfen – das drückt es genau aus: Die Dreiheit in der Einen.

Gibt s da eigentlich – wenn nicht schon eine Theologie – eine „Thealogie“?

Ich möchte Ihnen mal den Grund angeben, warum matriarchale Gesellschaften überhaupt keine Theologie oder Thealogie gebraucht haben. Denn wenn die ganze Welt göttlich ist, dann brauchen sie keine Lehre über die Göttin. Sie können sie ja anfassen, sie können sie nehmen, sie  können mit ihr spielen, sie können mit ihr arbeiten. Ich wurde mal gefragt, was wir denn glauben, wenn wir matriarchale Religion oder Spiritualität vertreten. Da habe ich gesagt: „Gar nichts, wir glauben gar nichts!“ – „Wie?“, sagte die Dame dann: „Sie glauben gar nichts? Aber Sie glauben doch an eine Göttin?!“ – „Ja“, habe ich gesagt, „aber ich muss doch nicht an eine Göttin glauben, wenn die Erde selbst die Göttin ist oder der Himmel über mir. Das sehe ich doch!“ – „Ja“, sagte sie, „das verstehe ich, das sieht man“. Dieser kleine Dialog gibt den ganzen Unterschied zwischen matriarchaler Spiritualität und patriarchaler Religion wieder. Denn wenn man im Patriarchat eine Religion erfunden hat, wo Gott und die Welt getrennt sind, also eine Transzendenz besteht eines unsichtbaren, ungreifbaren und auch unbegreifbaren Gottes, dann braucht man eine Menge Theologie, um dieses unverständliche Wesen und unsichtbare Wesen den Menschen überhaupt nahe zu bringen. Das ist der Ursprung der Theologie als eine Lehre, als ein Dogma. Denn über das Ungreifbare, was allmächtig sein soll, muss man natürlich Lehren aufstellen, denn den Menschen ist so ein Denken absolut unnatürlich. Den Menschen ist es natürlich, hinaus zu gehen, die Erde zu bewundern, die Erde zu bestaunen, sie im Herzen zu lieben und keinen Glauben zu brauchen. Insofern kennen matriarchale Völker keine Theologie und keine Thealogie und keine Dogmen. Das hat eine rituelle Folge. Es hat die rituelle Folge, dass  jede Stadt und jede Region sich ihre Göttin vorstellen kann, wie sie will. Wenn zum Beispiel eine Stadt am Meer liegt, dann werden sie sich sehr wahrscheinlich eine Meeresgöttin vorstellen. Wenn eine andere Stadt im Gebirge liegt mit den herrlichen Gipfeln, werden sie sich ihre Göttin als Berggöttin vorstellen. Matriarchale Menschen würden es als absolut unsinnig ansehen, wenn jetzt die Leute vom Meer zu den Leuten in die Berge ziehen würden, um sie zu bekehren zur Meeresgöttin, die die einzig Richtige sein soll. Das würden sie als den größten Unsinn erleben. Sie würden aber sofort, wenn sie zum Beispiel einen Besuch machen in der Stadt am Meer und die feiern gerade ein Fest für ihre Meeresgöttin, würden sie sofort mitfeiern. Denn die Göttin ist für sie die eine mit den 1000 Gesichtern. Das kommt sogar in einer Nuthymne vor „die eine mit 1000 Gesichtern“. Auf diese Weise haben sie weder Theologie, noch Intoleranz, noch Mission, noch das Belehren eines anderen zu seinem besseren Glück nötig. Das gibt es nicht.

Sie haben einen Klassiker geschrieben unter dem Titel „Die Göttin und ihr Heros“.  Was ist der Heros? Wie ist das Verhältnis der Göttin und dem Heros. Wie symbolisiert sich in dieser Metapher dieses Verhältnis zur Welt und das Verhältnis der Geschlechter?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich habe jetzt ja sehr von diesem weiblich geprägten Weltbild gesprochen und darüber, warum es weiblich geprägt ist. Und die Frage taucht ja auf: Wo ist jetzt die spirituelle und symbolische Rolle der männlichen Seite? In den entwickelten matriarchalen Gesellschaften, die insbesondere Stadtkulturen sind, gibt es dann eine Inszenierung von festen Repräsentanten, die die Göttin darstellen: oftmals die Sakralkönigin und der heilige König, der Heros. Das sind keine Monarchen, sondern lediglich symbolische Repräsentanten im Rahmen der spirituellen Feste, die das Weltbild repräsentieren. Die Göttin und ihr Heros werden zwar in matriarchalen Gesellschaften von Frau und Mann dargestellt, das heißt aber nicht, dass sie Frau oder  Mann meinen. Wenn die Sakralkönigin oder erste Priesterin  die Göttin darstellt, dann stellt sie damit die Kraft der Natur dar. Die Natur, der Kosmos ist die Göttin. Nicht jede Frau, sondern Frau und Mann sind ja in dieser Göttin inbegriffen. Das stellt sie dar. Sie verkörpert die Göttin in diesem Moment. Und die Auffassung ist so, wie im schamanischen Denken: In dem Moment, wo sie das Ritual ausübt, ist auch die Kraft der Göttin in ihr. Der Mann, der heilige König ist ihr Partner. Er kann die Göttin nicht vertreten, er kann den Kosmos nicht vertreten, weil der Kosmos weiblich ist. Sondern er vertritt die Menschen, das ganze Volk. Er ist der symbolische Repräsentant der Menschen und des Volkes. Und die Menschheit ist  gegenüber dem Kosmos das Vergängliche. Der Kosmos und die Natur sind ewig in ihren unendlichen Umwandlungen, Menschen gegenüber dem Kosmos sind das vergängliche Prinzip. Das verkörpert  der Heros. Heros heißt nicht „Held“; er hat mit dem patriarchalen Held nichts zu tun. In den großen Inszenierungen des Jahreszeitenzyklus stellen die Sakralkönigin und der Sakralkönig als  Göttin und Heros dar, wie das Verhältnis des Menschen zum Kosmos ist: der Mensch wird von der Göttin Natur hervorgebracht, er feiert mit  ihr die Heilige Hochzeit. Er geht, wenn er stirbt – jeder Mensch ist sterblich – in die Anderswelt. Er geht in der Anderswelt die Wege der Transformation und wird durch die Göttin Natur wiedergeboren. Das stellen diese beiden Repräsentanten szenisch und symbolisch dar.

Was ist die „Heilige Hochzeit“?

Die Heilige Hochzeit ist nicht eine Verbindung von Mann und Frau, auch nicht von Königin und König, weil sie gar nicht als Individuen gemeint werden, sondern die Heilige Hochzeit ist die Verbindung von Himmel und Erde oder die Verbindung der Göttin mit ihrem Volk. Insofern: Wenn die Sakralkönigin mit ihrem Sakralkönig Heilige Hochzeit feiert und alle feiern mit, ist das für sie die Verbindung der Göttin, dem  Kosmos mit den Menschen – und das ist eine sehr segenbringende Angelegenheit. Die Magie der Heiligen Hochzeit geht in der Auffassung matriarchaler Menschen sehr weit: Wenn die Heilige Hochzeit verfehlt wird, dann kommen Himmel und Erde durcheinander. Es gibt Unwetter, es gibt Katastrophen und die Welt geht unter.

Das Grundprinzip matriarchaler Gesellschaften ist ja immer Balance: Zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch und Natur. Das heißt, wenn sie nicht vollzogen wird, ist die Balance zwischen dem weiblichen und dem männlichen Prinzip gestört – und das kann nur ins Chaos führen. Daran kann man zum Beispiel auch ermessen, wie wichtig das männliche Prinzip genommen wird. Obwohl das weibliche als das umfassendere gesehen wird, geht nichts, wenn nicht das weibliche und das männliche Prinzip in Balance bleiben, was genau die Heilige Hochzeit ausdrückt.

Das ist ja auch ein sehr erotisches Bild. War das dann auch immer auch mit den entsprechenden Ritualen verbunden?

Natürlich ist das eine hohe Erotik, die hier eine Rolle spielt. Und Erotik ist in matriarchalen Gesellschaften – im Gegensatz zu unserer spätpatriarchalen Gesellschaft – keine abgespaltene Angelegenheit. In patriarchalen Gesellschaften wird Erotik immer abgespalten – einerseits unterdrückt, insbesondere die der Frauen, und andererseits in irgendwelchen Exzessen ausgelebt, ohne Grenzen und ohne Rücksicht. Das sind  zwei Extreme und zwei Seiten derselben Medaille – nämlich ein Missverhältnis zu der natürlichen Kraft der Erotik, die ja jeder Mensch hat. In matriarchalen Gesellschaften sind persönliche erotische Begegnungen und erotische Feste ein normaler Bereich im Bereich von allem anderen. Ein Fest zur Erscheinung des Lichts wie ein Fest zur Erscheinung der Anderswelt ist genauso wichtig wie ein Fest, wo die Erotik erscheint. Selbstverständlich wurden diese erotischen Rituale auch von der Sakralkönigin und dem Sakralkönig in festlichem Gepränge gelebt, mehr oder weniger öffentlich, da gibt es sehr unterschiedliche Formen. Und selbstverständlich vom ganzen Volk gleichzeitig mit. Aber nicht so, wie man sich das heute vorstellt: in irgendwelchen orgiastischen schwülen Kulten, sondern die Formen sind so unterschiedlich, wie die matriarchalen Kulturen. Die Magievorstellung ist so: Das was die Natur ohnehin tut, tun die Menschen auch. Sie machen es mit. Denn wenn sie es nicht mittäten, würden sie die Balance der Natur stören. Und zur Zeit der Heiligen Hochzeit muss man sich mal anschauen, was in der Natur geschieht. Das geht so über Mai, Juni – der Himmel ist am hellsten, die Erde die ganze Vegetation ist überaus offen, die Blüten sind offen, die Insekten fliegen, die Früchte kommen – also es ist in der Natur allenthalben ein Haufen Erotik vorhanden. Und die Menschen feiern das einfach mit, weil sie damit die Balance der Natur erhalten. Feiern sie hingegen die Heilige Hochzeit nicht mit, kommt nach diesem magischen Denken in der Tat die Natur durcheinander, weil der Mensch als Teil der Natur nicht mittut. Diese Magie ist gar nicht so hirnrissig wie wir vielleicht meinen. Denn seit patriarchalen Zeiten tut der Mensch  nicht mehr mit, was die Natur tut. Die Folgen spüren wir heute.

Wenn die ganze Natur heilig ist und damit auch die beiden Geschlechter in ihren Polen heilig ist, dann ist ja auch die Sexualität und Erotik etwas immanent Heiliges …

So ist es. Sexualität und Erotik gelten als eine starke natürliche Kraft, was sie ja auch sind. Sie gelten als eine hohe Lebenskraft, denn es ist ja auch eine Kraft, die Leben hervorbringen kann – nicht muss, aber kann. Und insofern sind Erotik und Sexualität heilig. Die Heilige Hochzeit heißt ja deswegen Heilige Hochzeit, weil die Verbindung von Himmel und Erde, von König und Königin und von Frauen und Männern im Volk eine heilige Verbindung ist. Alle Lebenskräfte sind heilig. Der Tod, die Wiedergeburt, die Erotik ebenfalls.

Wie würden sie denn das Verhältnis  zwischen  Männern und Frauen auf dieser ganz partnerschaftlichen Liebesebene in matriarchalen Gesellschaften beschreiben?

Ich bin sehr froh, dass sie noch nach dem alltäglichen Liebesleben fragen, denn die heilige Hochzeit der Sakralkönigin und des Sakralkönigs  sind auf einer hohen symbolischen Ebene angesiedelt und man kann es überhaupt nicht vergleichen mit dem normalen Leben der Leute. Ich habe einmal eine Reise zum matriarchalen Volk der Mosou nach China gemacht. Dort haben wir die jungen Frauen und Männer befragt und sie waren auch so vertrauensvoll uns davon zu erzählen. Die jungen Mosuo-Frauen haben uns gesagt: Bei uns ist die Liebe wirklich frei. Der Begriff „freie Liebe“ hat bei uns im Westen ja eine ganze Reihe Assoziationen. Deswegen haben wir gefragt, wie sie das meinen. Das hat überhaupt nichts mit der Vorstellung von freier Liebe bei uns zu tun. Sondern sie sagen: Da wir in unserem Mutterclan zu Hause sind, können wir uns unsere Liebespartner wählen, wie wir wollen und wie lang wir wollen. Und die Beziehung wird nur so lange halten, solange die Liebe hält. Sie müssen nicht Rücksicht nehmen auf irgendwelche ökonomischen Abhängigkeiten, das haben sie ausdrücklich gesagt, ob wir versorgt sind oder nicht, sondern unsere Liebe ist deswegen frei, weil die Beziehung nur so lange währt, solange tatsächlich Liebe da ist.. Das ist, verglichen mit unseren sexuellen und erotischen Praktiken, eine ziemlich revolutionäre Aussage. Und es hat überhaupt nichts zu tun mit freier Liebe im Sinne von Libertinage. Sondern: Frauen und Männer haben im Clan der Mutter, des Mutterbruders und der Schwestern ein Zuhause. Die Kinder der Frauen übrigens auch. Sie bleiben im Clan der Mutter. Insofern  können sie sich frei begegnen. Ein matriarchaler Mann würde dasselbe sagen: Auch meine Liebe ist frei. Ich gehe nur so lange in die Kammer meiner Geliebten, wie ich Liebe empfinde. Wir haben sie gefragt, wie lange ihre Liebesbeziehungen währen. Da haben sie gesagt: Sehr unterschiedlich. Bei manchen ein Paar Wochen, bei manchen ein Paar Monate, bei manchen ein Paar Jahre, bei manchen ein Leben lang. Aber die Liebe ist frei. Deswegen kann man nicht sagen, sie hätten eine Ehe, deswegen brauche sie auch keine Scheidung. Sie haben auch keine Scheidungswaisen und auch keine Scheidungsdramen. Das kennen sie nicht. Das heißt, die Verbindung der Geschlechter ist offen, folgt dem Gefühl und ist nicht von anderen Rücksichten verschattet. Nach meiner Auffassung ist das, was sie da schaffen, die Quadratur des Kreises, denn es gibt zwei menschliche Grundbedürfnisse: Einmal das Bedürfnis nach Sicherheit und das andere das Bedürfnis nach erotischer Freiheit und  Spontaneität. Das kriegen patriarchale Gesellschaften nicht zusammen. In der Ehe ist zwar die Sicherheit gegeben, aber wo bleibt die erotische Freiheit? Die nehmen sich dann die Männer und die Frauen wohl auch – aber dann gibt es Ehekrisen. Keine patriarchale Gesellschaft hat ein Muster geschaffen, wo diese beiden Bedürfnisse voll und ganz befriedigt werden. Es gibt immer Dramen. In dieser Anordnung matriarchaler Gesellschaften ist beides erfüllt: Die Sicherheit gibt es im mütterlichen Clan für Mann und Frau und die Erotik gibt es im freien Liebesspiel beider Geschlechter.

Was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht, ist dieses Bild, dass matriarchale Gesellschaften – sowohl auf der ökonomischen, als auch auf der sozialen, der spirituellen, wie auf der privaten Ebene – sehr paradiesisch klingen, oder sehr dem entsprechen, was wir heute als „alternative Kultur“ auch wieder aufbauen wollen. Besteht da nicht die Gefahr einer Idealisierung, denn es klingt ja perfekt …

Es ist so: Was ich hier benenne sind die matriarchalen Spielregeln. Die sind nachprüfbar. Wenn man mal eine heute noch existierende matriarchale Gesellschaft besucht, wird man diese Spielregeln erkennen. Diese Spielregeln – in konkreten matriarchalen Gesellschaften wird das gelebt – bedeuten nicht, das konkrete matriarchale Gesellschaften nicht auch Probleme hätten. Die matriarchalen Gesellschaften, die heute noch existieren, haben sowieso große Probleme, weil sie wie Inseln in patriarachaler Umgebung existieren. Wir müssen aber unterscheiden zwischen den Problemen und den Spielregeln, die diesen Gesellschaften unterliegen. Und diese Spielregeln können nicht etwas Paradiesisches haben oder nicht – das sind einfach Regeln, wie die Grammatik einer Sprache. Warum wir das als paradiesisch erleben – ich bekomme die Frage oft gestellt – hat damit zu tun, wie wir selber leben müssen. Das spricht unsere Emotionen an und wir haben das Gefühl: Da würde ich gerne leben, man lebt darin besser. Natürlich geht es auch um die Frage, welche Gesellschaft würden wir besser oder weniger gut finden. Ich habe matriarchale Spielregeln ja lange genug erforscht und kam auch zu dem Ergebnis, dass diese Spielregeln ein besseres Zusammenleben erzeugen, als die patriarchalen Spielregeln. Die matriarchalen Spielregeln zeigen was ganz Bestimmtes: Sie zeigen, dass matriarchale Gesellschaften aufgebaut sind, indem sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Und das ist ein riesiger Vorzug. Patriarchale Gesellschaften orientieren sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen, sondern orientieren sich an den Macht- und Potenzgehabe einiger weniger, die  einfach die Mehrheit beherrschen können. Ich möchte gar nicht sagen, ob Matriarchate paradiesisch sind oder nicht, ich idealisiere gar nichts, ich beschreibe nur die Facts. Es kann sich ja jeder selbst die Frage vorlegen, welche Gesellschaft er besser finden würde. Das ist eine Frage des Abwägens und nach dem Abwägen der Beurteilung. Dabei hat man nichts idealisiert.

Wie konnte es dazu kommen, dass eine derartig egalitäre, gleichberechtigte, in Fülle lebende Kultur zusammenbrach? Wie ist ihr dieser Geist entzogen worden. Gibt es irgendein Erklärungsmodell dafür, warum wir diese Kulturstufe verlassen haben und letztlich eine Stufe tiefer getreten sind?

Ich will nur mal einen Ansatzpunkt geben. Ich denke, eine matriarchale Gesellschaft, die in sich funktioniert, kann sich nicht patriarchalisieren. Es müssen anfänglich äußere Faktoren gewesen sein, die eine matriarchale Gesellschaft aus ihrer Balance geworfen haben. Und solche  äußeren Faktoren gibt es in der Menschheitsgeschichte mehr als genug. In der Entwicklung der Menschheit und der menschlichen Kultur waren die geologischen Gegebenheiten und die Biosphäre längst nicht immer dieselben. Ich erinnere nur mal an die Eiszeiten. Der altsteinzeitliche Mensch hat vier oder fünf Eiszeiten in Europa erlebt und überlebt – aber was das für Eingriffe sind, wie viel Tausende von Kilometer Wanderung da unternommen wurden. Am Ende der Jungsteinzeit, der Bronzezeit hat es auch solche Klimaveränderungen geben – ich beschränke mich jetzt mal auf Eurasien. Vermutlich hat die Austrocknung riesiger Gebiete Innerasiens entlang der Gebirgszüge dazu beigetragen, die dort ansässigen matriarchalen Kulturen auf Dauer zu entwurzeln. Wir müssen uns jetzt folgendes Szenario vorstellen – das ist ein geschichtliche Skizze über ein oder zwei Jahrtausende, die noch der Belegung bedarf. Wir müssen uns also vorstellen, wir hatten dort blühende Ackerbaukulturen und das Land trocknet aus, flächendeckend ein halber Kontinent. Das heißt der Stress, dem die Gesellschaft ausgesetzt war, war unaufhörlich. Das hat eine Deformierung der Gesellschaft mit sich gebracht. Die ziehen dann auf gut Glück irgendwo hin, wie Desperados, wie Verzweifelte. Und so kommen sie jetzt in Europa an, und zwar nicht als glückliche Leute, sondern als eine Gesellschaft, die zusammengebrochen ist. Sie kamen als matriarchale Leute, aber dekulturiert und verzweifelt. Das heißt, das Patriarchat und Herrschaft ist nicht entstanden, weil einige das wollten, sondern weil wir einen geschichtlichen Prozess haben, der komplex und unumkehrbar verlaufen ist. Stellen wir uns mal vor, sie kommen auch in Europa an und sehen diese fruchtbaren Länder vor sich. Diese gewanderten Völker haben nicht gleich erobert, denn sie wussten ja nicht was Eroberung ist. Sie wurden zum Teil auch adoptiert und konnten dort mitleben – das war bestimmt die Anfangsform. Aber wenn jetzt diese Austrocknung weitergeht und Welle auf Welle  von Leuten kommt, die nicht mehr leben können und das werden immer mehr, dann gibt es so etwas wie einen Populationsstress in den fruchtbaren Gebieten, wo matriarchale Gesellschaften leben – und sie können die Zuwanderer nicht mehr aufnehmen. Das ist wie ein Siedepunkt in der Geschichte, wo etwas in etwas anderes umschlägt. Und dieser Siedepunkt hat mit sich gebracht, dass diese verzweifelten Gruppen kein anderes Mittel mehr hatten, als sich das, was sie zum leben brauchten, mit Gewalt zu nehmen. Und siehe da: es hat einen gewaltigen Effekt! Sie räumen die Städte leer und haben alles, was dort zu essen ist, für sich. Jetzt entsteht ein neues Bewusstsein – die Gruppen denken: Das ist aber ein probates und effektives Mittel. Und diesem neuen Bewusstsein entsteht der Keim des patriarchalen Bewusstseins. Der nächste Schritt ist jetzt, dass sie feststellen: es ist ja viel praktischer, anstatt die Stadt leer zu essen, die Leute, die da den Ackerbau können, arbeiten zu lassen und sie praktisch mit Waffengewalt niederzuhalten – denn Ackerbautechniken können diese  ankommenden Leute nicht mehr, das haben sie während ihrer Flucht verlernt. Es entsteht so ein erster Zweischichtenstaat. Es entstehen die erste Gruppen von Herrschern und Beherrschten und es entsteht ein neues Bewusstsein: Waffen sind das Mittel der Welt, Krieg  ist der Vater aller Dinge und wir sind effektiv und wenn wir die da niederhalten, sind wir bald viel reicher als die unter uns. Das ist der Keim des Patriarchats. So haben wir uns das vorzustellen. Die geschichtlichen und archäologischen Beweise dafür sind allerdings noch zu erbringen.

Sehen Sie denn jetzt unsere Zeit wie eine Art von Revitalisierung des Matriarchats. Oder gibt es irgendeine Entwicklung, die zu etwas hinleitet, was jenseits von Matriarchat und Patriarchat steht. Wo stehen wir da heute kulturhistorisch?

Das ist eine sehr schöne Frage, die ich gerne beantworte. Die Revitalisierung des Matriarchats hängt erst mal davon ab, dass wir es wiedererkennen und wiederentdecken. Es kann sich ja nicht etwas revitalisieren, das wir gar nicht mehr wissen. In dem Punkt hat die Matriarchatsforschung eine zentrale Rolle. Sie hat auch darin eine zentrale Rolle, dass wir durch die Matriarchatsforschung mehr und mehr wissen was Patriarchat ist und noch alles ist. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr fiel es mir wie Schuppen von den Augen, was Patriarchat noch alles ist. Das heißt, eine genaue und kritische Matriarchatsforschung ist mit einer gleichzeitigen Patriarchatsanalyse immer verbunden. Das heißt, wir sind heute erst in der Situation, nicht nur zu wissen was Matriarchat ist, sonders auch Patriarchat überhaupt erst richtig zu erkennen. Schauen sie mal zu den Philosophen des vergangenen Jahrhunderts – da finden sie das Wort Patriarchat fast überhaupt nicht, geschweige denn eine Analyse davon. Man kann nur dann etwas verlassen, wenn man es erkennt hat. Insofern  können wir Patriarchat erst dann verlassen, wenn wir es erkannt haben  und zwar nicht nur in den groben Strukturen, sondern vor allem auch in den feinen Strukturen, die bis in das Innere unserer Psyche hinein reicht. Man kann auch einen sinkenden Dampfer – ich hoffe, das Patriarchat ist ein sinkender Dampfer! – erst dann verlassen, wenn man daneben einen anderen Dampfer hat. Wir können ja nicht ins Meer springen und ertrinken. Menschen können nur dann eine abgelebte Kulturform verlassen, wenn sie eine Alternative haben. Hier kann die Matriarchatsforschung durchaus ein alternatives Modell anbieten – das heißt nicht ein Wiederbeleben der historischen Form  des Matriarchats mit Ackerbaukultur und matriliniarer Blutsverwandtschaft, das ist historisch vergangen. Aber in Form neuer Gemeinschaftsbildung über Wahlverwandtschaft mit matriarchalen Prinzipien. Oder in Form einer neuen Respektierung der Gaia, der Erde und der Biosphäre sind wir der Sache schon sehr viel näher. Und darum würde ich sagen: Matriarchale Tendenzen sind schon lange im Gange – immer vorausgesetzt, dass man Matriarchat nicht als die Umkehrung des Patriarchats versteht, was ohnehin falsch ist. Matriarchale Tendenzen sind im Gange in der Ökobewegung, in der Gemeinschaftsbewegung, in der Frauenbewegung, in der Bürgerrechtsbewegung – überall wo Menschen  gegen Herrschaftsmuster und die Zerstörung ihrer Leben und der Erde protestieren und neue Formen schaffen. Da gibt es überall quasi matriarchale Tendenzen. Ich nenne es „quasi-matriarchal“, weil die Menschen es vielleicht nicht selber so bezeichnen würden. Aber wenn sie das Wissen hätten über matriarchale Gesellschaften und über die Patriarchatsanalyse, würden sie es vielleicht so nennen. Das, was die Matriarchatsforschung anbieten kann, sind hier immer genauere Formen dieser Vision, was ein zukünftiges Matriarchat sein kann. Denn wenn wir keine Vision haben, dann wissen wir auch nicht welchen Weg wir gehen sollen. Wir können zwar ökologisch probieren, aber das ist nur der erste Schritt. Wie geht der zweite, der dritte oder der vierte? Dazu brauchen wir eine neue gesellschaftliche Vision. Und die ist nicht das Patriarchat, sondern die ist meiner Meinung nach eine Art neues Matriarchat auf unserer heutigen Bewusstseinsstufe und auf dem Boden unserer heutigen Technologie. Und es kann nichts anderes sein als Matriarchat – denn Matriarchat ist die herrschaftsfreie Gesellschaft. In was anderes wollen wir ja nicht. Mit persönlich ist es egal, ob die Menschen das so nennen oder nicht.

Also Basisdemokratie, Ausgleichsgesellschaft ...

… Ausgleichsökonomie, eine Gesellschaft die sich als wahlverwandt betrachtet, Konsenspolitik, und eine umfassende Spiritualität, die nichts Außen vor lässt – das sind so die Grundprinzipien. Und alles, was sich in diese Richtung entwickelt, generiert praktisch eine neue matriarchale Gesellschaft und Lebensweise. Mein Beitrag ist es, das bewusst zu machen und Kenntnis zu geben durch die Matriarchatsforschung. Wenn ich etwa das Beispiel der Konsenspolitik nenne – da mögen ja manche sagen: „Ach wie utopisch!“. Aber der Vorteil der Matriarchatsforschung ist, dass wir sagen können: Es gehört zum jahrtausendealten Menschheitswissen, dass es geht und sogar wie es geht. Denn matriarchale Gesellschaften geben uns ja die genauen Spielregeln, wie es gemacht werden kann. Hier komme ich wieder auf die Grammatik. Wir können die Sprache der neuen Gesellschaft nicht sprechen, wenn wir nicht die Grammatik beherrschen. Und die kann man sich nicht ausdenken – von abstrakten Utopien halte ich nichts – sondern wir können diesen Schatz des Menschheitswissens heben und auf unserer Kulturstufe neu damit umgehen, um woanders damit hinzukommen. Um endlich dieses Patriarchat verlassen zu können.


Heide Göttner-Abendroth

wurde 1941 in Thüringen geboren. Sie hat drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. 1973 promovierte sie an der Universität München in Philosophie und Wissenschaftstheorie über die "Logik der Interpretation". Danach lehrte sie zehn Jahre in München Philosophie und publizierte weitere wissenschaftstheoretische Arbeiten in mehreren Sprachen. 1976 schloss sie sich aus Protest gegen die institutionalisierte Wissenschaft und die Benachteiligung der Frau in der Universität der Neuen Frauenbewegung an und wurde zu einer der Pionierinnen der Frauenforschung in Westdeutschland. Schon immer an Gesellschaftsentwürfen interessiert, wurde sie als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit zum Thema "Matriarchat" machte sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung.

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln waren ihre ersten Bücher zum Thema:

* Die Göttin und ihr Heros - eine Studie zur matriarchalen Religion (1980)

* Die tanzende Göttin - Essays zur matriarchalen Ästhetik (1982)

* Für die Musen - neun kulturkritische Essays (1988)

* Für Brigida - neun kulturkritische Essays (1998)

Seit 1988 folgt ihr Hauptwerk, die wissenschaftliche Reihe

* Das Matriarchat

Band I, Forschungsgeschichte zum Thema (1988)

Band II 1, heutige matriarchale Gesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien (1991)

Band II 2, heutige matriarchale Gesellschaften in Amerika, Indien, Afrika (2000)

Darin hat sie die heute noch lebenden matriarchalen Gesellschaften weltweit dargestellt und aus ihren sozialen Mustern weitgehende Erkenntnisse für ein humaneres Zusammenleben gefunden. Diese Bände werden ergänzt durch ein Buch, das die Ergebnisse ihrer Forschungsreise zu einer matriarchalen Gesellschaft wiedergibt:

* Matriarchat in Südchina (1998)

In den Folgebänden wird sie ihre langjährigen geschichtlichen Studien zum Thema niederlegen, was einer Revision der gesamten Kulturgeschichte, die bisher nur in patriarchaler Interpretation vorliegt, gleichkommt.

1986 gründete Heide Göttner-Abendroth die autonome Bildungsstätte "HAGIA. Internationale Akademie für moderne Matriarchatsforschung und matriarchale Spiritualität" bei Passau, deren Leitung sie seither innehat. In dieser Akademie für Matriarchatsforschung, der einzigen ihrer Art,  lehrt sie alle am Thema interessierte Menschen, da ihr fortlaufende Lehrtätigkeit an den Universitäten versagt wurde. Darüber hinaus gestaltet sie dort auf Grundlage ihrer Forschungen die von ihr so genannten „Matriarchalen Mysterienfeste“. Diese Feste stellen einen symbolischen Vorgriff auf eine neue matriarchale Lebensweise dar. In der authentischen Neuschöpfung matriarchaler Spiritualität in unserer Gegenwart sieht Heide Göttner-Abendroth die ihre wissenschaftliche Arbeit ebenbürtig komplementierende trans-rationale Seite ihres Werks.

Neben ihrer fortwährenden Öffentlichkeitsarbeit im In- und Ausland und vor den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen nahm sie auch begrenzte Lehraufträge an mehreren Universitäten wahr (unter anderem in Bremen, Hamburg und Kassel). 1980 hatte sie eine Gastprofessur in Montreal, Kanada, und 1992 eine Gastprofessur in Innsbruck, Österreich, inne. 1992 erhielt sie von der Universität Bremen ein Kurzzeit-Stipendium für ihre Matriarchatsforschung. Seit 1998 ist sie Mitglied des "Institute of Archaeomythology" in Kalifornien, USA.

http://www.goettner-abendroth.de