Warum „Mama Anarchija“?

Nun, zuerst einmal, weil mir der Klang dieses Ausdruckes gefällt (sprich mamma anárchia).
Mein mit einer wunderbaren russischen Mutter gesegneter Freund Sascha hatte mir einmal von einem bekannten russischen Rocksong dieses Titels erzählt, und ich mochte die Verbindung der beiden Wörter – die ja keiner Übersetzung bedürfen sofort. Außerdem vermutete Sascha, dass Mama Anarchija in Russland eine liebevolle Bezeichnung für den Anarchismus sei.
Mir würde Mama Anarchija aber sogar dann noch gefallen, wenn es wie im Deutschen fälschlicherweise üblich – bloß ein allgemeines Synonym für „blankes Chaos“ wäre. (Und welches Buch wäre geeigneter, endlich mit diesem Missverständnis aufzuräumen, als eben Stowassers „Freiheit Pur“?) Ich stelle mir den Ausruf „Mama Anarchija!“ in diesem Fall als eine Art russisches Stoßgebet an die Göttin des Chaos vor: Der augenrollend vorgebrachte Wunsch an die Mächte des Schicksals, das „brutale Chaos“ der staatlichen russischen Misswirtschaft irgendwie in ein „sanftes Chaos“ (siehe Stowassers Kapitel 13!) zu verwandeln: „Mamma mia!“ – Doch ob Beten alleine bereits ausreicht, um auf Erden endlich ein menschengerechtes Gesellschaftssystem zu bekommen …?

Mama Anarchija –  eine Gesellschaftsform von „weiblicher“ Qualität?

Es liegt nahe, an-archisch1 strukturierte Gesellschaftsformen mit dem von dem Psychoanalytiker C. G. Jung beschriebenen Archetypus der „Großen Mutter“ in Verbindung zu bringen, der im Zeitalter des Patriarchats so vehement unterdrückt wurde und wird. Das Intuitive, Sanft-Chaotische, Unhierarchische, Solidarische, Lebensfördernde, Dezentral-Organische, das der Anarchismus der Moderne vertritt, entspricht dem  weiblichen (oder Yin-) Prinzip2.
Die anarchistische Grundidee stellt so etwas wie eine Erinnerung an die herrschaftsfreie und fürsorgliche matriarchale Gesellschaftsform dar, welche die Menschheit den längsten Teil ihrer Geschichte hindurch geprägt hat. Die Matriarchatsforschung hat schlüssig nachgewiesen, dass in solchen Kulturen – in verschiedenen Varianten – immer die Verehrung der Ahnen und insbesondere der „Großen Göttin“ als der Ur-Ahnin im Zentrum stand, wobei eine Differenzierung in profane oder sakrale Lebensbereiche nicht existierte. Psychologisch gedeutet, bediente dieser Kult den nährenden Archetyp der Großen Mutter mitsamt seinen lebensspendenden und -nehmenden Aspekten.

Die Gretchenfrage nach einem „spirituellen Bekenntnis“ deutet auf den auffälligsten Unterschied zwischen AnarchistInnen und den FürsprecherInnen eines Neo-Matriarchats. Denn der im Zuge der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts entstandene Anarchismus entwickelte – ebenso wie der Marxismus – als Reaktion auf die klerikale Beteiligung am Ausbeutungs- und Herrschaftssystem einen Materialismus/Atheismus3 der in anarchistischen Kreisen bis zum heutigen Tag zwar nicht zwingend aber doch dominant ist. Ironischerweise hat jedoch eben dieser Atheismus der vermutlich letzten Spielart des  Patriarchats erst den Boden bereitet, welche sich seit einigen Jahrzehnten im technokratisch-wissenschaftlichen Gewand anschickt, den Planeten samt Bewohnern vollends zu unterwerfen und auszubeuten. – Die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Schöpfung ist aus dem Denken der Menschen verschwunden, und so gibt es auch scheinbar keine Ethik mehr, die den Siegeszug der unverblümten Profitgier in Frage stellen könnte, die alle Natur inklusive der Menschen zum bloßen Objekt der Wirtschaft macht. Das Geld ist an die Stelle Gottes getreten, der wiederum vor einigen Jahrtausenden die Göttin verdrängt hatte …

Vielleicht gibt es in diesem Sinn kaum etwas Revolutionäreres, als die Heiligkeit der Natur, von der wir Menschen ein ebenwertiger Bestandteil sind, mit allen Sinnen wiederzuentdecken? Dass dies keinesfalls in Unvereinbarkeit mit aktivem politischen Handeln steht, belegt zum Beispiel das Kapitel über ökologisch motivierte Spiritualität in Geseko von Lüpkes Buch über Geschichte und Preisträger des alternativen Nobelpreises („Die Alternative“, Riemann München, 2003). Hier wird sogar deutlich, dass die Vorreiter der heutigen Aktivistengeneration aus der Verehrung der lebendigen Schöpfung erst jene Kraft nehmen, die es ihnen erlaubt, sich allen Unannehmlichkeiten und Unkenrufen zum trotz  für eine andere Welt zu engagieren.
Ausdrücklich soll dieser Absatz deswegen auch als Gegenrede zu einer Bemerkung von Horst Stowasser verstanden werden, der in seinem – ansonsten wahrlich visionären – Schlusskapitel schreibt, der Mensch brauche die Natur weder zu romantisieren noch betend vor ihr niederzuknien.
(Stowasser hat zwar insofern recht, als es eigentlich kaum möglich ist, sich vor der Natur zu verneigen, wenn man selber integraler Bestandteil derselben ist. Auch kann eine demütig-respektvolle Haltung gegenüber dem Mysterium der natürlichen Schöpfung in und um einen herum kaum erzwungen werden, denn sie muss wie jeder authentische spirituelle Ausdruck dem persönlichen Erleben entspringen und nicht dem starren Katechismus einer patriarchalen Religion. Doch selbst wenn das ökologische Verständnis vieler Zeitgenossen nicht ausreichen mag, um sich in einer tiefempfundenen Verehrung der Mit-Welt auszudrücken: Ein wenig Ehrfurcht vor der Schönheit und Komplexität des Planeten, der uns mit allem Notwendigen versorgt – wenn wir ihn richtig verstehen und behandeln – wird sicherlich niemandem schaden. Vielmehr wird sich eine solche innere Haltung immer auch in ökologischem, sozialverträglichem Handeln äußern.)

Trotz seiner aus tiefenökologischer Sicht fragwürdigen atheistisch-materialistischen Tendenzen darf der Anarchismus aber dennoch als Gegenpol zu den verschiedenen Spielarten des Patriarchats gelten: Aristokratie, Monarchie, Diktatur, parlamentarische Demokratie, Kapitalismus, Kommunismus – all diese Gesellschaftsformen beruhen letztlich auf dem Prinzip der Hierarchie. Stowasser ordnet den genannten Systemen die Adjektive zentralistisch, hierarchisch, konkurrenzbetont, uniform, expansiv, zerstörerisch und dominant zu – allesamt dem „männlichen Prinzip“ entsprechende Attribute, die erst durch die fast vollständige gesellschaftliche Verdrängung „weiblicher Werte“ (s.o.) ihre zerstörerische Wirkung entfalten konnten.
Die Aufgabe der zu schaffenden neuen, zukunftsfähigen Gesellschaftsform/Kultur könnte also darin bestehen, die bislang zumeist als unvereinbar geltenden männlichen und weiblichen Prinzipien zu gleichen Anteilen zu integrieren, um wieder ein stabiles Gleichgewicht zu schaffen.
Dafür müssten jedoch zunächst einmal die vergessenen Aspekte von eher „weiblichen“ Gesellschaftsformen einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden.

Das A im Herz

Das Logo von Mama-Anarchija.net – ein A im Herz – ist aus dem Wunsch heraus entstanden, ein positives Zeichen zu finden, das den inhaltlichen Ansatz dieser Seiten – die Integration des Wissens über Matriarchate und die Erfahrungen und Visionen des Anarchismus – symbolisiert. Ich habe deshalb zwei Elemente aus diesen Themenfeldern zusammengebracht:



1 Anders als beim Begriff des Matriarchats („Am Anfang die Mütter“) hat der griechische Wortstamm archeín in den Wörtern anarchisch, anarchistisch oder patriarchal die Bedeutung von „Herrschaft“.
An-archisch ist hier also mit „herrschaftsfrei“ zu übersetzen; es ist nicht zu verwechseln mit dem Adjektiv anarchistisch, das auf die politische Philosophie des Anarchismus hinweist. Matriarchat beinhaltet eine an-archische Organisationsstruktur, aber Anarchismus ist nicht gleich Matriarchat!

2 Bernard Lietaer beschreibt diese Zusammenhänge für jeden verständlich in seinem überaus empfehlenswerten Buch „Mysterium Geld“ (Riemann, München 2000). Um Missverständnissen vorzubeugen, muss gesagt werden, dass „männlich“ und „weiblich“ in diesem Zusammenhang nicht als wörtlich zu verstehende, absolutierende Beschreibung der Geschlechter zu verstehen ist, sondern als Hilfsbezeichnung universaler Prinzipien und Qualitäten. Frauen wie Männer tragen jeweils Anteile beider Pole in sich.
Bei den alten Chinesen wurden verschieden Qualitäten der Lebensenergie Qi/Chi mit Yang und Yin bezeichnet. Diese Bezeichnungen wurden später in unseren Kulturkreis übernommen, allerdings gemeinhin in arg vereinfachender Weise mit „weiblich/männlich“ übersetzt.

3 Das ethymologische Wörterbuch von Kluge gibt für den Begriff Atheismus eine im anarchistischen Zusammenhang sehr interessante Erklärung. Gemeinhin bezeichnen sich ja zumeist strikte Materialisten, die jede Idee einer göttlichen Sphäre ablehnen, als Atheisten. Im Wörterbuch steht jedoch, dass Atheismus eine neoklassische Ableitung zu griechisch átheos ist, was „gottlos, die Staatsgötter leugnend“ (sic!) bedeutete. Letzteres schließt Spiritualität nicht aus, solange sie nonkonform ist. – Es lebe der Atheismus!