Die herrschaftsfreie Gesellschaft
    – eine Utopie mit tiefen Wurzeln!

Von Jochen Schilk

(Gekürzte Version des nachfolgenden Artikels als Beitrag für die KursKontakte Nr. 144: Download PDF )

Eine Zusammenführung des Wissens aus der Matriarchatsforschung mit den Erfahrungen und Visionen der anarchistischen Bewegung könnte einige Synergieeffekte bewirken, die möglicherweise dazu führen, dass beider wichtige Botschaften endlich Eingang in die angehende Diskussion um nachhaltige Gesellschaftsstrukturen finden: Die Analyse beider Strömungen deutet darauf hin, dass  die überdimensionierte und zentralisierte hierarchische Gesellschaftsorganisation, wie sie heute von den Staaten repräsentiert wird, dem Wesen des Menschen und der Natur seines Heimatplaneten nicht gerecht werden. Die Ablösung der einst überall üblichen matriarchal-egalitären Sozialordnung („Ausgleichs-“ bzw. „Partnerschaftsgesellschaften“) durch die patriarchale Matrix hat der Welt erst jene Welle der Zerstörung, der Gewalt und des Chaos gebracht, die heute das Überleben unserer Gattung insgesamt bedroht – ironischerweise nicht mehr nur das der Menschen am unteren Ende der Herrschaftspyramide …
Der nachfolgende Artikel macht beide Vertreter einer herrschaftsfreien Ordnung miteinander bekannt. Im Vordergrund stehen die vielen Berührungspunkte zwischen AnarchistInnen und  Neo-MatriarchatsverfechterInnen und die daraus folgende Notwendigkeit einer gegenseitigen Kenntnisnahme beider egalitärer Strömungen. Der Text kann und will die Lektüre der auf Mama-Anarchia.net zur Einführung empfohlenen Artikel und Bücher nicht ersetzen, sondern interessant machen! Nicht zuletzt sollen an dieser Stelle die Schwachstellen von Horst Stowassers Einführung in den Anarchismus, „Freiheit Pur“, angesprochen werden, die dort bezüglich  der  Matriarchatsforschung bestehen.

Begriffsverwirrung auf allen Seiten

Sehen wir uns zunächst einige Textpassagen an, die offenbaren, dass es auch unter den ExpertInnen beider verwandter „Fachrichtungen“ um die Kenntnis des jeweiligen anderen Terrains bislang nicht besonders gut bestellt ist. So schreibt die Patriarchatskritikerin Claudia von Werlhof zur allgemeinen Missinterpretation des Begriffes Matriarchat als „Frauen-Herrschaft“:

Die matriarchale Kultur ist geradezu darauf aus, Macht und Herrschaftsansprüche einzelner oder von Gruppen systematisch unmöglich zu machen, zu unterlaufen und gesellschaftlich um jeden Preis zu verhindern (Clastres 1976; Göttner-Abendroth/Derungs 1997). In matriarchalen Gesellschaften gelten Herrschaftsansprüche als unsozial und die Gemeinschaft gefährdend, als überflüssig und lächerlich, als dumm und kontraproduktiv für das Leben in Gemeinschaft. Es ist daher kein Zufall, dass, obwohl Frauen-Herrschaft nirgendwo in der Geschichte entdeckt worden ist, die Diskussion um die matriarchalen Gesellschaften immer verwirrend ist, solange unter Matriarchat Frauenherrschaft verstanden wird, so wie unter Patriarchat lediglich Männer- oder Väterherrschaft. Damit fällt dann aber auch gleich die Denk-Möglichkeit einer nicht herrschaftlichen (früheren oder zukünftigen) Gesellschaftsorganisation ganz weg, weil dafür dann kein Begriff mehr zur Verfügung steht.“
Claudia von Werlhof, in: von Werlhof/Maier-Seethaler/Mulack/Göttner-Abendroth u.a (Hg.), Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung, edition amalia, 2003 Bern, 156 Seiten

Es ist erstaunlich, dass die zu den politisch engagierten MatriarchatsforscherInnen zu zählende Claudia von Werlhof angeblich keinen Begriff für „eine frühere oder zukünftige nicht-herrschaftliche Gesellschaftsorganisation” kennt – zumal sie bereits auf der folgenden Seite ihres hier zitierten Artikels den eigentlich passenden Terminus „Anarchie“ erwähnt:

„Das Rätsel um Matriarchat und Patriarchat beginnt sich zu lösen, wenn man sich mit der Etymologie beschäftigt. Das Wörtchen arché (Matriarchat, Patriarchat, Hierarchie, Anarchie, Architektur, archaisch…) bedeutet zunächst keineswegs Herrschaft, sondern Anfang, Beginn, Ursprung, Uterus. Demnach hieße Matriarchat ganz einfach: am Anfang die Mütter  (vgl. Göttner-Abendroth 1989), oder die Mütter als Anfang, was zunächst nichts anderes bedeutet, als dass alles neue Leben von Müttern kommt und diese sich um diese Tatsche herum organisiert haben. Matriarchate sind Gesellschaften, in denen sich Frauen und Mütter zusammentun, um die Existenz neuen Lebens zu sichern, diese Leben zu pflegen, sich daran zu freuen und es in den Mittelpunkt der Gemeinschaft zu stellen. Alle Beschreibungen matriarchaler Gesellschaften entsprechen diesem Bild.“
Claudia von Werlhof, in: Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung, S.28

Die Zitate seien hier in ganzer Länge wiedergegeben, weil sie gleich zu Beginn mit einigen begrifflichen Missverständlichkeiten aufräumen sollen. An anderer Stelle nennt Claudia von Werlhof dann noch weitere denkbare Ausdrücke für den Zustand gesellschaftlicher Organisation ohne Herrschaft. Wieder bringe ich die betreffende Passage in ihrem größeren Zusammenhang, weil hier sehr gut die Radikalität der Herrschafts- und Staatskritik der Patriarchatsforschung anklingt („Radikal“ kommt von lat. radix = „Wurzel“; tatsächlich könnte man sagen, dass diese Wissenschaft sich mit der „Wurzel allen Übels“ beschäftigt. Jene Wurzel glaubt sie vor allem in der Ablösung egalitärer Sozialorganisation durch die Einführung des Prinzips der Herrschaft gefunden zu haben):

„Kein patriarchales System möchte im Prinzip auf den Krieg verzichten, gar auf Herrschaft bzw. den Staat, die Herrschaft als System. Eine Rückkehr zur Egalität oder Direktdemokratie erscheint als utopisch oder naiv. Die Diktatur gilt als verständlicher denn die Herrschaftslosigkeit (A-kratie). Unterdrückung ist in allen Patriarchaten Normalität, ebenso wie Ausbeutung in ihren verschiedenen Formen und Kombinationen, für die sich besonders die bisher letzte Phase, der Kapitalismus, geeignet hat, vereint er doch in seiner Geschichte und Entwicklung alle Formen der Ausbeutung.
[Genereller] Kulturverlust [geht] mit der Patriarchalisierung systematisch einher. Wildnis- und Naturnähe, spirituelle Naturverbundenheit und Natur als Vorbild für Kultur sowie die entsprechenden alten (ökologischen) Wissenschaften werden vernichtet. Das gilt auch für die matriarchale Ökonomie der Subsistenzwirtschaft und die matriarchale Sozialorganisation sowie Genealogie.“
Claudia von Werlhof;„Perspektive eines Wahns“

Der anarchistische Autor Horst Stowasser wiederum nennt zwar an verschiedenen Stellen seines Buches „Freiheit Pur“ den Begriff des Matriarchats, aber es bleibt klar, dass er (zumindest bis zum Zeitpunkt des Verfassens) keine Gelegenheit hatte, dessen wahre Bedeutung kennenzulernen. Auch er übersetzt Matriarchat mit Frauenherrschaft – Dass dies weder etymologisch noch historisch zutrifft, ist oben bereits erwähnt worden:

„Nun will der Anarchismus natürlich kein Matriarchat, sondern ein Anarchat. Niemand soll herrschen, auch keine Frauen, selbst, wenn sie es ›besser‹ könnten. In diesem Sinne aber wird das antike [es müsste freilich „frühgeschichtliche“ heißen] Matriarchat von den meisten Anarcha-Feministinnen auch nicht verstanden – eher als eine Quelle der Inspiration und Kritik, als Trümmerfeld verschütteter femininer Tugenden, von denen wir einige heute vielleicht bitter nötig hätten.
Die Kritik am Patriarchat ist deshalb mehr als nur ein ›interessanter Aspekt‹ oder eine ›anregende Bereicherung‹ des anarchistischen Standpunktes. Sie ist radikal und global; […]
Die Kritik am Patriarchat ist fraglos ein leistungsfähiges Mikroskop. Mit seinen Bildern können wir nicht alles, aber einiges interpretieren, was bisher mit Erfolg verdrängt wurde.“
Horst Stowasser, in: Freiheit Pur, S.48

Wenn auch nicht mit der Tiefe der um die frühgeschichtliche matriarchale Weltkultur wissenden Patriarchatsforschung, so wird hier doch deutlich, dass Stowasser immerhin den Wert der Patriarchatskritik für die Analyse dessen versteht, was im gesamtgesellschaftlichen System seit „vielen tausend Jahren“ falsch läuft. Diese Formulierung, die er an anderer Stelle benutzt, lässt darauf schließen, dass er zumindest intuitiv ahnt, dass bis vor geraumer Zeit solche Phänomene wie Macht oder Konkurrenz unter den Menschen unbekannt gewesen sein müssen:

„In vielen tausend Jahren staatlicher Konkurrenzethik mußten die Tugenden der gegenseitigen Hilfe verkümmern.“
Horst Stowasser, in: Freiheit Pur,  S.245

Bedauernswert ist, dass Horst Stowasser aus offensichtlicher Unkenntnis der egalitären Wurzeln der Menschheit sein Buchkapitel über „Anarchistische Frühformen“ erst mit der Antike beginnen lässt. Zwar ist das Matriarchat im Gegensatz zum Anarchismus und anderer Gesellschaftsentwürfe kein theoretisches Konzept („-ismus“), sondern sich über Jahrtausende entwickelte Gemeinschaftsorganisation und Kultur, die an manchen Orten bis zum heutigen Tag überlebt hat. Dennoch wäre die Tatsache, dass die Menschheit den Gutteil ihres Bestehens in herrschaftsfreien Gesellschaften verbracht hat, in einem anarchistischen Geschichtsabriss zumindest eine kurze Erwähnung wert gewesen – zumal in einem ansonsten so großartigen Buch. Die historische Tatsache einer lange andauernden frühgeschichtlichen „matriarchalen Weltkultur“ (Werlhof) ist ja auch für Anarchisten von einigem Belang. Sie entkräftet nämlich jenen Standardeinwand, wonach der anarchistische Traum zwar schöne Theorie, die Verhältnisse aber leider nicht veränderbar seien. Der Mensch sei nun einmal – quasi von Natur aus –  hauptsächlich gewalttätig und herrschsüchtig und das sei schon immer so gewesen …
Das folgende Zitat beweist, dass Stowasser dem Beispiel stammeskultureller „Natur“-Völker durchaus Rechnung trägt und bei entsprechenden Kenntnissen sein Buch wohl um das Thema frühgeschichtlicher Matriarchate ergänzt hätte:

„[…] Ähnliche Überlegungen gelten auch für fremde Kulturen oder sogenannte ›primitive‹ Gesellschaften, von denen einige ohne Regierung leben und in ihren Gemeinwesen die eine oder andere ›utopische‹ Forderung des klassischen Anarchismus seit jeher verwirklicht haben: Niemandem wäre damit gedient, diesem sozialen Alltag den Stempel ›anarchistisch‹ aufzudrücken. Soziologen und Völkerkundler ziehen hier den Begriff »regulierte Anarchie« vor. Die Schlüsse aber, die wir aus solchen Gesellschaften ziehen können, sind für Anarchisten wichtig und oft fruchtbarer und lehrreicher als so mancher gelehrte Disput.“
Horst Stowasser, in: Freiheit Pur,  S. 20

Eine weitere Stelle in „Freiheit Pur“ deutet darauf hin, dass dem Autor auch die Existenz eines veritablen Forschungszweiges zum Themenkomplex Matriarchat/herrschaftsfreie Gesellschaften nicht geläufig ist:

„Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, daß es auf der Welt einige tausend Lehrstühle für Staatswissenschaft gibt, aber keinen einzigen für die Wissenschaft einer Gesellschaft ohne Staat, um sich der Einseitigkeit wissenschaftlichen Forschungsdrangs bewußt zu werden.“
Horst Stowasser, in: Freiheit Pur,  S. 144

Zwar ist diese Kritik an der konventionellen Wissenschaft durchaus berechtigt. Dennoch muss hier der Richtigkeit halber gesagt werden, dass es einigen VerteterInnen der Matriarchats-/Patriarchatsforschung, wie zum Beispiel Claudia von Werlhof, bei aller Gegenwehr des Establishments gelingen konnte, akademische Nischenposten zu besetzen und mit staatskritischen Inhalten zu füllen. Dies nicht zu wissen, kann Stowasser kaum zum Vorwurf gemacht werden – insbesondere wenn man bedenkt, dass auch Claudia von Werlhof, die am politikwissenschaftlichen Institut der Universität Innsbruck Professorin für Frauenforschung lehrt, in ihrer Arbeit den Anarchismus ignoriert (siehe oben).

Andere MatriarchatsforscherInnen verwenden den Ausdruck „Anarchie“ durchaus – wenn auch zumeist in einem nur halb verstandenen Sinn. An dieser Stelle muss eine kuriose Gemeinsamkeit der hier zur Debatte stehenden Phänomene erwähnt werden: Sowohl die anarchistische Bewegung als auch die Matriarchatsforschung leiden nämlich fast seit Anbeginn ihres Bestehens unter einer verbreiteten Falschdeutung ihrer Begriffe. So wie Matriarchat in der Öffentlichkeit fast nur als bloße Umkehrung patriarchaler Verhältnisse –  also als „Frauenherrschaft“ –  aufgefasst wird, so wird „Anarchie“ landläufig als Synonym für „Chaos” benutzt. Beide gängigen Falschinterpretationen haben in der Vergangenheit in starker Weise die Verbreitung der dahinterstehenden Ideen erschwert und es wird in Zukunft zuerst darum gehen, den Makel von den Begriffen zu nehmen, bevor die dazugehörigen Inhalte diskutiert werden können. Das gilt an dieser Stelle auch für das gegenseitige Kennenlernen von AnarchistInnen und MatriarchatsfürsprecherInnen … Dass  Matriarchat tatsächlich einen Zustand der Herrschaftslosigkeit bezeichnet und keinesfalls „Frauenherrschaft“, ist anfangs in zwei Passagen von Claudia von Werlhof angeklungen. In seinem Buchkapitel „Alles Chaos oder was?“ gibt Horst Stowasser eine griffige Kurzdefinition von Anarchie, die hier genügen soll: „Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Gewalt und Herrschaft!“
Es ist deshalb zwiespältig, wenn etwa Heide Göttner-Abendroth den oben auch von Stowasser erwähnten ethnologischen Terminus der „regulierten Anarchie“ auf matriarchale Gesellschaften anwendet (geprägt von dem Soziologen Christian Sigrist; bei der Matriarchatsforscherin Gerda Weiler: „geordnete Anarchie“). Der Ausdruck impliziert ja in herkömmlicher Weise, dass die an-archische Herrschaftslosigkeit bei Stammeskulturen automatisch zu Unordnung/Chaos/Gesetzlosigkeit führt, weshalb die Anarchie dort eben „reguliert“ werden müsse. Wenn man jedoch weiß, dass auch 99,9% der Anarchisten durchaus nicht abstreiten, dass menschliches Zusammenleben zumindest einiger essentieller Regeln bedarf, so entpuppt sich der Ausdruck „regulierte Anarchie“ als ein Pleonasmus („weißer Schimmel“).

Matriarchatsforschung im revolutionären Aufbruch

Die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, Heide Göttner-Abendroth, hat im September 2003 unter der Überschrift „Gesellschaft in Balance“ den ersten internationalen Kongress dieses Forschungszweiges organisiert. Unter der Schirmherrschaft der luxemburgischen Frauenministerin nahmen neben den etwa zwanzig ReferentInnen noch etwa 400 Menschen teil, davon die allermeisten Frauen – was zeigt, wie sehr das Thema Matriarchat noch immer als reines Frauenthema rezipiert wird, obwohl es tatsächlich in gleichem Maße die männliche Menschheit betrifft (und begeistern könnte)!

„Wenn erkannt wird, dass Patriarchat nicht bloß ein Herrschaftssystem insbesondere von Männern über Frauen ist, dann wird es nicht mehr unterschätzt. Denn Patriarchat will viel mehr als bloß Herrschaft.“
Claudia von Werlhof in ihrem Kongressbeitrag „Perspektive eines Wahns“

Auch ich hatte das Vergnügen, der Veranstaltung beiwohnen zu können, und ich war erstaunt, feststellen zu können, wie kämpferisch sich die Anwesenden gaben. Allen in Luxemburg Versammelten schien klar zu sein, dass das „spätpatriarchalische“ System des globalisierten Kapitalismus sich über kurz oder lang zu Tode siegen wird und dass die ebenso faszinierenden wie hoffnungsvollen Ergebnisse der Matriarchatsforschung nach gesellschaftlichen Konsequenzen förmlich schreien! Das aus der vergleichenden Ethnologie, aus der Archäologie oder aus der Mythologie/Etymologie gewonnene Wissen birgt zuviel revolutionäre Kraft, als dass es sich auf einen bloß akademischen Wert reduzieren ließe. Erst wer von friedlichen Formen menschlichen Zusammenlebens (in Vergangenheit und Gegenwart) Kenntnis hat, der begreift in vollem Umfang, in welch dunklem Jammertal die Welt sich zu Beginn des 21. Jahrtausends befindet. Dieses Wissen macht zugleich Wut und gibt Mut: Wut über die zerstörerische Kraft einer als patriarchalisch identifizierten Unkultur – und Mut zu einer Vision, in der die Prinzipien matriarchal-herrschaftsloser Organisationsformen mit der dazugehörigen Ethik den Anforderungen der modernen Massengesellschaften angepasst sind. Claudia von Werlhof sprach in ihrer Kongressrede auch diese Zukunftsperspektive an:

„Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der heutigen Globalisierung trete ich dafür ein, unsere Gesellschaftsordnung als inzwischen prinzipiell weltweites Patriarchat zu verstehen, das sich über eine Periode von ungefähr 5000 bis 7000 Jahren entwickelt hat und jetzt an seine Grenzen stößt. Damit steht historisch zum ersten Mal global die Frage auf der Tagesordnung, welche Alternativen zum Patriarchat gefunden werden können. Die Matriarchatsforschung ist heute aufgerufen, sich dazu zu äußern, inwiefern neo-matriarchale Verhältnisse eine solche Alternative darstellen (würden), denkbar sind und konkret gestaltet werden können.“

Anarchismus als Inspirationsquelle neo-matriarchaler Visionsfindung

An dieser Stelle kommt nun auf die „revolutionären“ MatriarchatsforscherInnen die Aufgabe zu, sich endlich mit den Ideen und Erfahrungen der anarchistischen Bewegung(en) der letzten 160 Jahre zu beschäftigen. Die notwendige Überwindung der patriarchalen Muster kann ja nicht gleichbedeutend sein mit einem „Zurück in die matriarchale Steinzeit. Die Matriarchatsforschung ist bislang allerdings aus naheliegenden Gründen tendenziell rückwärtsgewandt, bzw. auf kleine, noch existierende (ländliche) Stammesgesellschaften fixiert. Wenn sie das hier gefundene wertvolle Wissen in eine realistische Zukunftsvision für eine Welt mit mittlerweile 6 Milliarden Menschen (die Hälfte davon in Städten lebend) integrieren möchte, so muss sie eigentlich ganz neu zu denken beginnen. Dabei hat sie das Glück, an die Gedanken mehrerer Generationen von AnarchistInnen anknüpfen zu können, sodass sie bei dieser komplexen Herausforderung nicht ganz von vorne anzufangen braucht. Was wollen die Anarchisten? – Das ist in Stowassers „Freiheit Pur” und der weiterführenden Literatur nachzulesen; ich kann jedoch, ohne allzusehr vorzugreifen, Folgendes zusammenfassen: Der Anarchismus fordert eine Aufgliederung der unnatürlich überdimensionierten Gebilde namens „Staat“ in kleine, übersichtliche, sich selbst nach basisdemokratischen Prinzipien organisierende, dezentrale Einheiten. Diese Struktur in Kombination mit freien sozialistischen Prinzipien sei Voraussetzung für die Schaffung einer Ordnung, die ohne Herrschaft von Menschen über Menschen, ohne Gewalt, brutales Chaos, Ausbeutung und Umweltzerstörung auskommt. Um die Relevanz für die „revolutionäre“ Matriarchatsforschung aufzuzeigen, nachfolgend ein Zitat von Heide Göttner-Abendroth, die in dem von ihr und Kurt Derungs herausgegebenen Buch „Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften“ auf Seite 38 fragt:

„ [Oder] gelingt es uns in diesem extremen Prozess, die zerstörerischen patriarchalen Herrschaftsmuster aufzulösen und überall, auch in Europa, zu kleineren Gebilden mit einer lebensfreundlicheren Sozialordnung zurückzukehren?“

Es gibt freilich noch weitere, teilweise ins Detail gehende Überschneidungen der anarchistischen und der „matriarchalen“ Vision. Dabei gilt es bei allen Übereinstimmungen zu bedenken, dass der Anarchismus eine Struktur für gesellschaftliche Organisation darstellt, authentische matriarchale Lebensweise aber eine umfassende Kultur bedeutet, die nicht zuletzt auf einer Spiritualität beruht (die sich von patriarchalen Religionen fundamental unterscheidet!). Matriarchat beinhaltet eine an-archische Organisationsstruktur, aber Anarchismus ist nicht gleich Matriarchat.
Was gesellschaftliche Organisation betrifft, hier nun noch ein Beispiel für die Vereinbarkeit der Forderungen der „revolutionären“ Matriarchatsforschung mit anarchistisch-basisdemokratischen Grundrinzipien, wie Horst Stowassser sie ausführlich in seinem Buch vorstellt:

„Auf der Ebene der politischen Entscheidungsfindung ist das matriarchale Konsens-Prinzip für eine egalitäre Gesellschaft unverzichtbar. […] Zudem ist es das eigentlich demokratische Prinzip, denn es löst ein, was die formale Demokratie verspricht, aber nicht hält.“
Heide Göttner-Abendroth in ihrem Redebeitrag zum Kongress „Gesellschaften in Balance“

Unterdrückte Geschichte hier wie dort

Neben der Anfangs angesprochenen allgemeinen Missinterpretation der Begriffe Anarchie und Matriarchat besitzen beide Phänomene noch eine weitere – nicht eben der Verbreitung der Ideen förderliche – Gemeinsamkeit: Sie kommen in der offiziellen Geschichtsschreibung trotz ihrer vermutlich immensen Bedeutung nicht vor. Die viele (zehn)tausend Jahre währende matriarchale Epoche wird gänzlich geleugnet, das gesamte vor-patriarchale Zeitalter als vermeintlich unzivilisierte „Prä-historie“ abgewertet – weshalb ich dem Begriff der „Frühgeschichte“ hier den Vorzug gebe!

„Wie gross dieses Ausmass an Pathologie in den patriarchalen Gesellschaftsformen ist, können wir ablesen am Ausmass von Kriegen, Gewalt, Aufständen und Revolutionen, schnell entstehenden und zerfallenden Weltreichen und dem draus folgenden, nicht enden wollenden sozialen Chaos, das ihre Geschichte durchzieht. Diese Verhältnisse aber werden uns in den Geschichtsbüchern als die Geschichte der Menschheit weisgemacht, unter Auslassung des zeitlich grösseren Teils und der friedlicheren Formen der menschlichen Kulturentwicklung. […]
[Herrschaft] ist nicht alt und ewig in der Geschichte, sondern […] relativ jung und neu.“
Heide Göttner-Abendroth, Zur Definition von Matriarchat , in: Göttner-Abendroth/Derungs (Hg.): Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften, edition amalia, Bern 1997

„Ein Blick in die Etymologie, in die Archäologie, in die Gesellschaften noch oder wieder lebender Matriarchate und nicht zuletzt auf nicht-patriarchale Verhältnisse mitten im Patriarchat beweisen: Die längste Zeit menschlicher Geschichte gab es eine matriarchale Weltkultur.“
Claudia von Werlhof in ihrem Kongressbeitrag „Perspektive eines Wahns“

„[Matriarchate] wurden durch die traditionelle Geschichtsschreibung, die seit ihrem Beginn vor ca. 3000 Jahren bis heute tendenziösen Charakter trägt, in die Vergessenheit gedrängt. Patriarchatskritische Forschung im Gebiet der Universalgeschichte heisst damit, eine tiefgreifende Korrektur und Umwertung der gesamten bisher bekannten politischen Geschichte und Kulturgeschichte durch die Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Theorie des Matriarchats zu unternehmen.“
Heide Göttner-Abendroth, Zur Methodologie der Frauenforschung am Beispiel einer Theorie des Matriarchats, in: Göttner-Abendroth/Derungs (Hg.): Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften, edition amalia, Bern 1997

Die hier geforderte „Korrektur und Umwertung der gesamten bisher bekannten politischen Geschichte und Kulturgeschichte“ sollte dann aber die anarchistischen Episoden einbeziehen, die in Stowassers Buch immerhin die eine Hälfte der 400 Seiten in Anspruch nehmen. Denn auch die faszinierende Geschichte der zu manchen Zeiten Millionen Menschen mitreißenden anarchistischen Bewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist ja weithin unbekannt und aus guten Gründen nicht Bestandteil der kapitalistischen und der staatssozialistischen Schulbücher … Es könnte ja sonst ein kritischer Geist auf den Gedanken kommen, dass es einmal eine Alternative zu kapitalistischer Ausbeutung, staatlicher Bevormundung und autoritärem „Sozialismus“ marxistischer Spielart gegeben hat – und immer noch gibt! Für die Visionsfindung der revolutionären MatriarchatsvertreterInnen dürften die hoffnungsvollen anarchistischen Ansätze während der Pariser Kommune (1871), in der Ukraine (1920) und insbesondere in Spanien (1936) von einigem Interesse sein. Zum ersten Mal in der Neuzeit waren hier riesige Landstriche – inklusive so großer Städte wie Barcelona – sozial und wirtschaftlich frei organisiert. Es ist nicht auszudenken, wie anders das blutige 20. Jahrhundert verlaufen wäre, wenn solchen anarchistischen Ansätzen mehr Lebenszeit vergönnt gewesen wäre, in der sie Beispiel hätten werden können. An ihren inneren Widersprüchen sind sie jedenfalls nicht gescheitert – ganz im Gegenteil geben die damals gemachten Erfahrungen Anlass zu der Hoffnung, dass es durchaus nicht unmöglich ist, moderne Massengesellschaften herrschafts- und gewaltfrei zu organisieren! Die genannten Experimente scheiterten – und das ist eine wichtige Lehre auch für alle neo-matriarchalen Ambitionen – weil sie von außen militärisch niedergerungen wurden! (Die Kommune von Kronstadt 1921, die ukrainischen Bauern sowie die anarchistisch-antifaschistischen Milizionäre im spanischen Bürgerkrieg mussten dabei feststellen, dass sie von den vermeintlichen marxistischen „Brüdern“ aufs Schändlichste verraten wurden, weil jene einen „freien Sozialismus“ neben ihrer KP-Variante keinesfalls akzeptieren konnten.) Wenn sich auch die Zeiten seit diesen letzten großen anarchistischen Umsetzungsversuchen stark verändert haben, so könnten die damals gewonnenen Erfahrungen doch für jedes zukünftige Projekt „herrschaftsfreie Gesellschaft“ Gold wert sein. Außerdem sind die AnarchistInnen seit der Zeit, in der ihre Ideen Millionen Menschen mobilisierte, keinesfalls ausgestorben. Bis zum heutigen Tag arbeiten Menschen an der Aktualisierung der anarchistischen Vision. Auch auf deren Werk und Erfahrung kann aufgebaut werden.

Zukunftsperspektiven

Es scheint angesichts der erdrückenden globalen Probleme überfällig, die anarchistischen und matriarchalen Erkenntnisse endlich zum Gegenstand öffentlicher Diskussion zu machen. Zu lange stehen beide Themen schon im Schatten einer Gesellschaft, die kaum über das Morgen oder gar über etwaige grundsätzliche Alternativen nachzudenken scheint. Doch ist heute deutlich, dass wir neue – möglicherweise uralte! – Ansätze brauchen, um den systemimmanenten Krisen etwas Zukunftsfähiges entgegensetzen zu können.

In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, auf die soziologische Entdeckung einer neuen Bevölkerungsschicht in den westlichen Ländern hinzuweisen. Diese „Kulturell Kreative“ genannten Menschen haben die globale Herausforderung durchaus erkannt, sind allerdings noch kaum in dem Maß organisiert, wie ihre Anzahl dies nahelegen würde: in Amerika etwa kam der Soziologe Paul Ray zu dem Ergebnis, dass rund ein Viertel der Bevölkerung neuen Wegen gegenüber aufgeschlossen ist und diese in geringerem Umfang auch bereits erfindet und beschreitet. Kulturell Kreative wenden sich im Allgemeinen ökologischen, emanzipatorischen, psychologischen, spirituellen und gemeinschaftlichen Lösungen zu. Das ist ein enormes Potenzial für jede Bewegung, die eine attraktive gesellschaftliche Vision anzubieten hat!

Ich hoffe, dass deutlich geworden ist, dass die beiden Herangehensweisen an das Thema „herrschaftsfreie Gesellschaften“ einander nicht ausschließen, sondern ergänzen; beide halten wichtige Botschaften für eine Welt am Scheideweg bereit, so dass eine eingehendere Beschäftigung mit der Materie (von lat. mater = Mutter :-)  lohnenswert erscheint.

Zum Abschluss der Ausführungen noch drei Zitate, die dem Bisherigen eine Perspektive geben mögen. Den Anfang macht dabei noch einmal Heide Göttner-Abendroth in ihrem Redebeitrag zum Kongress „Gesellschaft in Balance“:

„[…] Aus dieser Skizze der modernen Matriarchatsforschung ist deutlich geworden, dass sie ein Wissen von nicht-patriarchalen, grundsätzlich egalitären gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Mustern ans Licht bringt, das in dieser global destruktiven Phase des Spätpatriarchats dringend benötigt wird. Matriarchate waren in ihrer langen geschichtlichen Epoche und sind in ihren letzten, heute noch existenten Beispielen Gesellschaften, die ohne Herrschaft, ohne Hierarchie und ohne kriegerische Veranstaltungen als organisiertes Töten ausgekommen sind. Sie kennen insbesondere keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, von der die patriarchalen Gesellschaften auf der ganzen Erde voll sind.
Das hat mich zunehmend dahin geführt, dem Wissen von matriarchalen Gesellschaftsmustern für die Gegenwart und für die Zukunft einen hohen Stellenwert beizumessen. Denn die matriarchale Gesellschaftsform ist, im Gegensatz zu rein philosophischen Gesellschaftsentwürfen, keine abstrakte Utopie. Solche Utopien haben sich in der menschlichen Geschichte niemals umsetzen lassen. Sondern die matriarchale Gesellschaftsform ist über die längsten Zeiträume der Kulturgeschichte gelebte, praktische Erfahrung und gehört damit zum kulturellen Wissen der Menschheit. Ihre Regeln zeigen, wie das Zusammenleben bedürfnisorientiert, friedlich, gewaltfrei, schlicht human, organisiert werden kann. Deshalb ist es wichtig, die politische Aktualität matriarchaler Muster als Anregungen für die Lösungen heutiger Probleme zu erkennen.“
Heide Göttner-Abendroth in ihrem Redebeitrag zum Kongress  „Gesellschaften in Balance“

„Das Verhältnis Anarchie und Matriarchat bräuchte dringend eine eingehende Klärung. In meinen Augen ist der Anarchismus nichts anderes als ein geistiges und praktisches Wiederaufleben matriarchaler Werte, welche patriarchale Gesellschaften noch lange unterschwellig durchziehen und in vielen Varianten und Verkleidungen im Widerstand von unten aufflammen. Matriarchat ist die Wurzel, historisch und geistig.“
Heide Göttner-Abendroth in einem Brief an den Autor vom Oktober 2003

„In allen alternativen Entwürfen, selbst wenn sie sich nicht als matriarchal bezeichnen, wird weltweit von matriarchaler Egalität, Subsistenz, Gegenseitigkeit und Lebensbejahung ausgegangen und die Kooperation untereinander und mit der Natur in den Mittelpunkt neuer gesellschaftlicher Verhältnisse gestellt. Die Alternativen zum globalen Patriarchat sind weltweit verschieden, folgen aber ähnlichen Grundregeln. Der Wahn des Patriarchats wird wie ein Spuk von der Erde verschwinden.

Die Frage ist nur, wie der Übergang so gestaltet werden kann, dass nicht noch mehr zerstört wird, materiell, seelisch und geistig, als es jetzt schon der Fall ist. Die Matriarchatsforschung kann dabei helfen, der Perspektive einer herrschaftsfreien Existenz wieder den Weg zu ebnen. Wir erinnern uns der matriarchalen Kulturen. Es hat sie schließlich seit unvordenklichen Zeiten überall auf der Welt gegeben.“
Claudia von Werlhof in ihrem Kongressbeitrag „Perspektive eines Wahns“



Die zitierten Redebeiträge von Claudia von Werlhof und Heide Göttner-Abendroth sind hier zur Gänze wiedergegeben: http://www.kurskontakte.de/article/category/cat_415022b1b987c.html

Horst Stowassers anarchistische Einführung „Freiheit Pur – Idee, Geschichte und Zukunft der Anarchie“, ursprünglich erschienen 1995 bei Eichborn in Frankfurt/Main, kann als ausdruckbare Onlineversion auf www.mama-anarchija.net heruntergeladen werden.