Vorwort des Herausgebers dieser Onlineversion von Freiheit Pur


Es fällt mir schwer mich zu erinnern, wo und wann genau ich das erste Mal auf dieses Buch aufmerksam geworden bin, das eigentlich erst vor zehn Jahren (1995) erschien und dann schon sehr bald »vergriffen und nicht mehr lieferbar« war. Ungefähr 1996/97 kursierte »Freiheit pur« in einem Teil meines Freundeskreises und ich habe es mir damals wohl einmal ausgeliehen, vielleicht auch aus der Münchner Stadtbibliothek, wo es ein Exemplar gab (das dann allerdings irgendwann geklaut wurde …)

Ich bin kein Materialist, aber ich war– vermutlich wie der Dieb – immer der Ansicht, dass man die wirklich guten Bücher einfach besitzen muss – sei es, um sie anderen zum Lesen geben zu können, oder um jederzeit selbst Zugriff auf die entsprechenden Informationen zu haben. (Und dann gibt es noch solche Bücher, deren Inhalt so scharf mit der Gegenwart in Kontrast steht, dass man sie besser kauft, solange sie noch nicht verboten sind.) Bereits während der ersten Lektüre war mir klar, dass »Freiheit pur« in die Kategorie der unbedingt zu besitzenden Bücher gehörte.

Wie sollte ich also an ein Exemplar dieses faszinierenden Werkes kommen? Ich rief beim Eichborn Verlag an: Negativ! – natürlich waren sämtliche Bestände längst weg. Und obgleich »Freiheit Pur« sich ja gut verkauft hatte, wurde dort an eine neue Auflage aus unerfindlichen Gründen nicht gedacht.
Ich ging in Antiquariate und politische Buchläden, telephonierte stundenlang und irgendwie fand ich sogar Horst Stowassers Telefonnummer heraus. Er war sehr nett, meinte aber gleich, falls ich noch irgendwo Restbestände auftriebe, so möge ich ihn doch bitte nochmal anrufen, er habe selbst nur noch eine einzige Kopie seines Buches.
Doch es gab auch gute Nachrichten: die Druckrechte waren mittlerweile an den anarchistischen Berliner Karin-Kramer-Verlag übergegangen und Stowasser hatte zwischenzeitlich mit einer überarbeiteten Fassung mit Phototeil angefangen, die dann dort erscheinen sollte.
Beim Karin-Kramer Verlag war man natürlich auch der Meinung, dass dies ein gutes Buch sei, nur fehlten leider momentan (und sonst meist auch) die Mittel zur Vorfinanzierung neuer Bücher oder Wiederauflegungen. Als ich es ein Jahr darauf nocheinmal versuchte, erhielt ich ungefähr dieselbe Antwort: »Wir können immer nur sehr wenige Bücher pro Jahr herausbringen.« Die Enttäuschung war dieses Mal jedoch nicht ganz so groß, denn in der Zwischenzeit hatte ich zum ersten Mal praktischen Nutzen aus dem Internet gezogen und aus einem Web-Antiquariat ein Exemplar von »Freiheit pur« erstanden. Endlich!
Man sollte meinen, ich hätte zufrieden sein können.
Doch nach der abermalig begeisternden und lehrreichen Lektüre kam ich von nun an immer öfter in die Situation, dass ich nach einem guten Gespräch anderen Leuten nur allzugern dieses Buch empfohlen hätte – wenn es denn einen Sinn gemacht hätte. Und schließlich konnte ich meine heilige Kopie auch nicht jedem und jeder gleichzeitig ausleihen, zumal viele AusleiherInnen dazu tendieren, zwar erstmal gerne auszuleihen, sich dann aber bald vom Umfang eines vermeintlich »trockenen« Sachbuches abschrecken zu lassen. So kommt es dann nicht selten so, dass man nach Monaten und halben Jahren irgendwann ein ungelesenes, verstaubtes Buch zurückerobern muss …
Es war zu traurig, denn ich war mehr denn je von der Relevanz und vom Potential von Stowassers Buch überzeugt.

Meiner Mutter (die wie die meisten Mütter eher schwerlich zu unkonventionellen Ansichten zu überreden ist) gab ich meine Kopie einmal als Reiselektüre mit. Ich erhoffte mir, dass die weisen Worte des Autors bei ihr eventuell etwas mehr Verständnis für meine eigene Weltsicht und Denkweise vermitteln könnten. Tatsächlich zeigte sie sich bei ihrer Rückkehr durchaus beeindruckt; ja sie gestand mir sogar, dass sie nach Beendigung der Lektüre noch ein zweites Mal zu lesen begonnen hatte …
Ungefähr zu der Zeit besuchte ich an der Universität als fachfremder Gasthörer ein politisches Hauptseminar zum Thema »Anarchismus«. Neben einem friedensbewegten Punk schien ich jedoch der einzige Zuhörer zu sein, der irgendwelche Vorkenntnisse von der Materie mitbrachte. Der Rest der offiziellen Seminarteilnehmer zeigte zumeist verhaltenes Desinteresse und besonders der alte Professor, der sich des Themas zwar durchaus wohlwollend, aber auf eine recht naive Weise annahm, hatte offensichtlich keine Ahnung vom Gegenstand seiner Veranstaltungsreihe. Ich weiß nicht mehr, was mich bewog, dennoch wöchentlich dort zu erscheinen – vermutlich tat ich es aus Solidarität mit der geschundenen anarchistischen Idee – aber ich weiß doch noch ganz genau, wie gerne ich dem Dozenten eine gute Bibliographie empfohlen hätte, die ihm den libertären Geist etwas näher hätte bringen können: eben dieses Buch »Freiheit pur« !

1998 zog ich schließlich von München in eine kleine Lebensgemeinschaft in einem winzigen Dorf an der Ostsee nahe Polen. Dort berief man sich zwar nicht explizit auf anarchistische Ideen, aber trotzdem zeigte sich das Leben mit den Menschen in Klein Jasedow auf ganz selbstverständliche Art und Weise von den Prinzipien, von einer Ethik, von einer Struktur und nicht zuletzt von einem Spirit durchdrungen, die mir durch die Lektüre von »Freiheit Pur« gut vertraut erschienen. Aus Träumen und utopischer Theorie war in meinem Leben ein klein bisschen Praxis geworden.
Doch werde ich mir auch immer bewusster, auf welch privilegierter Insel ich mich da befinde, während der überwiegende Rest der Welt zunehmend in Flammen zu stehen scheint. Seit dem 11.September 2001 und den Erfolgen der globalisierungskritischen Bewegung werden nun immerhin ab und zu auch in der Öffentlichkeit die herrschenden Verhältnisse in Frage gestellt und mehr und mehr Leute beginnen, sich nach gangbaren Wegen aus der planetaren Katastrophe umzusehen.
Auch ich verspüre seitdem neue Kraft für politisches Engagement; eine Zeitlang war ich bereits fest entschlossen, notfalls durch Selbstausbeutung und mit dem eigenen bescheidenen Sparguthaben irgendwie eine Neuauflage meines Lieblingsbuches zu bewerkstelligen. Ist es nicht so, dass die Welt förmlich nach Hinweisen auf einen neuen gesellschaftlichen Weg schreit? Überall treten die Krisen des Systems offen zutage, doch noch ist nirgendwo von einer mitreißenden politischen Vision oder gar von einer ernsthaft ausgearbeiteten Alternative zu hören – da kann ein gutes Buch über die niemals widerlegte Idee des Anarchismus eventuell die eine oder andere wertvolle Inspiration für die (hoffentlich bald auf breiterer Ebene aufkommende) allgemeine Diskussion bereithalten!
Nicht mehr, aber auch nicht weniger will ich hoffen …

Nachdem ich also schon konkrete Pläne geschmiedet hatte, auf eigene Faust für Stowassers Buch zu kämpfen, trat am 5. Juli 2002 eine überraschende Wende ein: während einer meiner sporadischen Webrecherchen nach »Freiheit pur«-Antiquariatsexemplaren, stieß ich auf die Seiten von Olf aus Zwickau, der unter www.utopie1.de etliche Kapitel wichtiger Bücher zum Thema »gesellschaftliche Utopien« anbietet. Es war unglaublich: die Suchmaschine hatte mich automatisch auf die Startseite meines so lange gesuchten Lieblingsbuches geschickt und anfangs konnte ich gar nicht fassen, dass es da tatsächlich zur Gänze wiedergegeben war – bis zum letzten Buchstaben, für alle zugänglich und obendrein kostenlos! Umgehend schrieb ich Olf aus Zwickau einen Brief, in dem ich ihm für seine gute Idee und auch für die gut gemachte Umsetzung dankte.
Dennoch muss gesagt werden, dass trotz der augenfreundlichen Schriftdarstellung auf www.utopie1.de wohl kein vernünftiger Mensch ein ursprünglich vierhundert Seiten starkes Werk am Monitor lesen wird. Die ausgedruckte Version erwies sich zudem als leider unleserlich und so habe ich den Text mit einigem Aufwand noch einmal in eine Form gebracht, die sich gut drucken und lesen lässt. Auf einer eigenen Website stelle ich die PDF-Datei nun der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Für den Fall dass sich genügend Interessenten bei mir melden und auch Horst Stowasser sein Placet gibt, wäre es denkbar, »Freiheit pur« endlich doch noch als gebundenes Buch wiederaufzulegen. Dank der Möglichkeiten von Books-on-demand-Verlagen ist es von der Datei zur eigenen Edition kein weiter Weg.

Ich wünsche allen Lebewesen auf der Erde  ein Leben frei von unnatürlichen Zwängen!

Jochen Schilk,
Klein Jasedow, im Oktober 2005