Das Schlusskapitel von Freiheit Pur als Einführungstext zu beziehungsweise als Manifest für Mama-Anarchija.net

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Ist die Zukunft an-archisch?
Von Horst Stowasser

Nehmen Sie einmal einen Globus zur Hand und legen Sie ein Blatt Papier darauf. Jetzt wissen Sie, wie dick die Luftschicht ist, in der Menschen atmen können. Schauen Sie sich nun an, auf welchen Teilen der Erdoberfläche menschliches Leben möglich ist. Wenn Sie alle Meere, Wüsten, Polarregionen, Karststeppen und Hochgebirgslandschaften schwarz einfärben würden, blieben nurmehr lächerlich schmale Randgebiete in grün und braun übrig. Stellen Sie sich als nächstes vor, daß sich auf diesem bißchen Platz ein Lebewesen namens Mensch derart zügig vermehrt, daß es alle paar Generationen seinen Bestand verdoppelt. Es frißt den Pflanzenbewuchs und den Tierbestand, reißt den Boden auf, verbrennt alles was brennbar ist und erzeugt dabei enorme Mengen giftiger Gase. Schon jetzt bekommt es Schwierigkeiten beim Luftholen. Dieses Lebewesen hat die Gabe zu denken, aber es denkt falsch. Seine wichtigste Philosophie scheint in einem Wort zu bestehen: Wachstum. Es ist dabei, sich auf dieselbe Art und Weise zu vernichten wie eine wildwuchernde Bakterienkultur in der Nährlösung eines abgeschlossenen Glastiegels.
Legen Sie nun einen Bleistift auf Ihren Globus. Würde um diese Weltkugel ein Satellit kreisen, müßte er in den Stift hineinrasen. Nun haben Sie einen Begriff von den Dimensionen, die der Mensch als »Vorstoß in den Weltraum« bezeichnet. Vielleicht besitzen Sie einen Leuchtglobus? Betrachten Sie ihn einmal in der Nacht aus so großer Entfernung, daß Sie ihn nur noch als kleinen, leuchtenden Punkt wahrnehmen. Nehmen Sie sich ruhig Zeit, und schauen Sie genau hin.
Nach all diesen Übungen haben Sie vielleicht die richtige Perspektive, um über die wichtigen Dinge des Lebens nachzudenken.

Eine Frage der Perspektive

Macht es aus dieser Perspektive eigentlich noch Sinn, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie diese sechs Milliarden vermehrungssüchtiger Kreaturen ihr soziales Leben organisieren? Ob sie sich nun gegenseitig beherrschen oder nicht – was macht das für einen Unterschied? Ob horizontal und dezentral vernetzt oder hierarchisch-autoritär unterjocht – ist das nicht egal?
Die Antwort auf beide Fragen lautet: Es macht Sinn, sich mit der Frage der sozialen Organisation zu beschäftigen, und es macht einen Unterschied, wie diese Organisation aussieht. Denn die Ursache der katastrophalen Wirkungen jenes Lebewesens liegt in seinem Sozialverhalten. Und man weiß, daß es in der Lage ist, sein Sozialverhalten zu verändern.
All das ist eine Frage der Perspektive.
Wir betrachten schließlich keine Bakterienkultur im Glas, sondern uns selbst auf dem real existierenden Globus, dem einzigen, den wir haben. Wir gehören zu dieser Spezies, und wir würden gerne weiterleben – als Individuum und als Gattung. Diese Perspektive der unentrinnbar Betroffenen sollte Grund genug sein, der Frage nachzugehen, ob ein anderes Sozialverhalten die Möglichkeit böte, dem kollektiven Selbstmord zu entgehen.

Sanftes Chaos, brutales Chaos

Das Überleben der Menschheit hängt gewiß nicht davon ab, wie weit sie einer politischen Bewegung Gehör schenkt, die die soziale Tradition des Anarchismus vertritt. Es geht um Wichtigeres, nämlich um die Grundregeln sozialen Verhaltens und die Steuermechanismen, nach denen komplexe Zusammenhänge funktionieren. Deshalb lautete unsere Ausgangsfrage, ob die Zukunft an-archisch sei – nicht anarchistisch.
Ohne in die Gefahr ideologischer Argumentation zu geraten, darf wohl gesagt werden, daß in der Natur überall Mechanismen der Selbststeuerung am Werk sind. In ihr scheint sich alles, man möchte fast sagen, »von alleine« zu regeln. Diese etwas hilflose Art, uns auszudrücken, zeigt, daß wir nicht genau wissen, wie sich diese Natur selbst reguliert. Es fällt uns nicht ins Auge, weil wir keinen Blick dafür haben. Unser Blick ist geschärft fürs Große, Augenfällige; er erkennt simple Strukturen, die uns geläufig sind; auffällige Zentren etwa, eindeutig hierarchische Beziehungen wie Ursache und Wirkung, Befehl und Gehorsam. Natur aber scheint so simpel nicht aufgebaut zu sein.
Wenn hier von »Natur« die Rede ist, dann gilt das für die Gesamtheit des Planeten ebenso wie für die Interaktion zwischen verschiedenen Arten, innerhalb einer Art, zwischen einzelnen Populationen und innerhalb einer jeden Population. Also auch für das soziale Zusammenleben in Gruppen. Seit den aufsehenerregenden Erkenntnissen des Biosphärenforschers James Lovelock oder der Mikrobiologin Lynn Margulis sind wir um die überaus interessante »Gaia-Hypothese« bereichert, die das Zusammenwirken »interaktiver Netzwerke« selbst zwischen organischer und anorganischer Natur erforscht. Das sind Zusammenhänge, die wir noch viel weniger verstehen.
Was immer der Mensch nicht recht versteht, nennt er Chaos.
Relativ leicht zu verstehen aber ist diese simple Tatsache: Nirgendwo in der Natur gibt es einen Zentralismus großer Einheiten. Kein Tier und keine Gattung wirkt über den Kreis hinaus, in dem es lebt. Selbst die Hierarchien im Tierreich sind räumlich eng begrenzt und »erworben«: durch tatsächlich anerkannte Autorität, das heißt, anderen überlegene Fähigkeiten und Kräfte. Kein Tier »herrscht«, weil es von edler Geburt ist, reich, oder gestützt von Lobbies, Medien, Rhetorik oder Polizei. Kein Tier besitzt Autorität außerhalb seiner eigenen überschaubaren sozialen Welt. Weder ein Tier noch eine Tiergruppe noch eine biologische Art ist »angetreten, um zu herrschen«. Kein Tier greift steuernd in den Gesamtmechanismus der Natur ein, konzentriert Macht, zentralisiert Strukturen oder strebt eine wie auch immer geartete Gesamtautorität über alles andere an. Ausgenommen der Mensch.
Die Natur kennt all das: Kooperation und Konkurrenz, Tausch, Diebstahl und Geschenk, Verdrängungskampf und gegenseitige Hilfe, Hierarchie, Solidarität und Freiräume – und all das steht miteinander in irgendwelchen für uns schwer verständlichen Wechselbeziehungen. Natur ist dabei nicht zentralistisch, sondern dezentral. Natur ist nicht durch Hierarchien verbunden, sondern interaktiv vernetzt. Sie gehorcht keinem Weltgesetz, sie regelt sich selbst, und zwar mit großem Erfolg. Sie funktioniert trotz ihrer Größe, Vielfalt und organischer Abhängigkeit hervorragend.
Eine »Unordnung«, die so komplex ist, daß wir sie nicht verstehen, aber dennoch gut funktioniert, hatten wir sanftes Chaos getauft.
Die soziale Organisation, die sich der Mensch gegeben hat, ist, wie wir wissen, anders strukturiert. In ihr sind zwar auch alle widerstreitenden Kräfte von Hierarchie und Anarchie angelegt, aber bisher haben sich stets die ersteren durchgesetzt. Das Lebewesen Mensch ist gesellschaftlich völlig anders gestrickt als die Natur. Seine Strukturen streben nach Vereinheitlichung, Konzentration, Zentralisierung, Souveränität, Hierarchie und Macht. Alles wird tendenziell einem Prinzip untergeordnet, oder, biblischer ausgedrückt:
Der Mensch macht sich die Erde untertan. Dabei macht er sie kaputt.
Hierarchisch-zentralistische Organisationsstrukturen sind zerstörerisch. Ihr Interaktionsprinzip zwischen Individuen und Gruppen ist Kampf und Unterwerfung, im Extremfall Tötung; ihre Ideologie ist Expansion, ihr Ziel Gesamtherrschaft. Bitte, es geht hier nicht um den Brunftkampf zweier Hirsche oder den Kampf um Nahrung zwischen zwei Rudeln Wölfe. Das entspräche dem Degenduell zweier eifersüchtiger Männer oder den Hungerrevolten andalusischer Tagelöhner von 1840. Es geht um das Prinzip, das der menschlichen Organisation und seinem Sozialverhalten zugrunde liegt. Und hierbei hat sich unterm Strich beim Menschen recht ungebremst das Herrschaftsprinzip durchgesetzt.
Dieses herrschaftsgeprägte, hierarchisch organisierte Sozialverhalten macht sich mit all seinen Auswirkungen massiv auf der Erde bemerkbar. Es dringt in die Kreisläufe der Natur ein, zerstört die unverstandenen Mechanismen der Selbstregulierung und versagt mit schrecklichen Folgen auch innerhalb der eigenen Gattung. Weder ist der Mensch unter seinesgleichen mit sich selbst zufrieden, noch könnte die Natur, wäre sie ein denkendes Wesen, zufrieden mit dem Menschen sein. Das System, nach dem die Menschheit lebt, funktioniert einfach nicht gut.
Eine »Unordnung« die Fehlfunktionen und Katastrophen erzeugt, also schlecht funktioniert, hatten wir als brutales Chaos bezeichnet.

Diese Überlegungen stützen die Annahme, daß die Idee der Herrschaft über die Natur und die Idee der Herrschaft über den Menschen gleiche Wurzeln haben. Irgendwo sind da die Weichen falsch gestellt worden. Aber vergleichen wir da nicht Birnen und Äpfel? »Natur« und »menschliche Gesellschaft« sind doch nicht dasselbe.
Das stimmt. Deshalb wäre es erstens falsch zu sagen, Menschen müßten sich benehmen wie die Piranhas oder organisieren wie die Ameisen. Schließlich kann der Mensch denken, reflektieren, handeln und sich ändern. Viel weniger als ein Tier ist er Sklave seiner Instinkte und Triebe – übrigens ist vielleicht gerade das sein Problem: daß er mit dieser Freiheit noch nicht umgehen kann. Deshalb kann zweitens Natur sehr wohl an-archisch sein, nicht aber anarchistisch, denn das ist eine Lebensphilosophie aus den Köpfen von Menschen. Dennoch haben menschliche Gesellschaft und Natur etwas miteinander zu tun: Gesellschaft findet in der Natur statt, sie ist Teil von ihr, beide bedingen sich gegenseitig.
Wenn aber Natur gut funktioniert und menschliche Gesellschaft schlecht funktioniert, kann es nicht falsch sein, Vergleiche anzustellen und hieraus Schlüsse zu ziehen.
Der naheliegendste Schluß wäre, daß der Mensch sich endlich bemühte, die Funktionsweisen des sanften Chaos zu verstehen und von diesen Strukturen soviel zu lernen, daß sie auf soziale Systeme anwendbar würden. Hierarchisch gesteuerte Systeme müßten durch an-archisch gesteuerte Systeme ersetzt werden – sonst steht zu vermuten, daß das Gesamtsystem zusammenbricht. Mit anderen Worten: Der Mensch ist dazu verurteilt, im Einklang mit der Natur leben zu lernen – andernfalls wird er nicht überleben. Das ist kein Umweltschutz, sondern eine Revolution des Denkens.
Welche Auswirkungen hätte das auf das gesellschaftliche und politische Leben des Menschen?

Vom ›System Natur‹ zum ›System Gesellschaft‹

Natur und Gesellschaft sind nicht gleichzusetzen. Der Mensch braucht »die Natur« auch nicht zu romantisieren oder betend vor ihr niederzuknien. Es wäre schon genug, wenn er versuchte, ganz nüchtern und sachlich von den Strukturen der Natur zu profitieren.
Was nun die gesellschaftspolitischen Systeme angeht, zu denen ja auch der Anarchismus zählt, so gibt es in diesem Zusammenhang eine erstaunliche Beobachtung zu machen. Freiheitliche Bewegungen sind ja nicht aus dem Konflikt Mensch/Natur entstanden, sondern aus dem Konflikt Mensch/Mensch. Anarchismus kam nicht als Ökophilosophie auf die Welt, sondern als Schrei nach sozialer Gerechtigkeit und Befreiung: Es ging um Brot, Arbeit und weniger Prügel. Am Anfang war der Zorn – Ziel und Triebkraft aber wurde die Suche nach Freiheit. Sie, und nicht Natur, ist der anarchistische Zentralbegriff.
Auf der Suche nach konkreten Formen der Freiheit hat der Anarchismus in hundertfünfzig Jahren Modelle entwickelt, die diesem Ziel gerecht werden sollen. Gewisse Strukturen wurden dabei als untauglich verworfen, andere haben sich als tauglicher erwiesen. Wenn man sich nun diese ›freiheitstauglichen‹ Strukturen genauer ansieht und benennt, ergibt sich eine frappierende Übereinstimmung mit jenen, die die moderne Wissenschaft und Philosophie heute als ›naturtauglich‹ erkannt hat. Diese Analogie ist uns schon wiederholt begegnet: Dezentralität, Vernetzung, Interaktion, Horizontalität, Selbstregulierung, kleine Einheiten, gegenseitige Hilfe, natürliche Autorität, Kollektivität – all das sind Strukturbegriffe und Organisationsformen, die sowohl auf die Natur als auch auf die von Anarchisten favorisierte soziale Organisation anwendbar sind.
Das bedeutet nicht, Anarchie und Natur seien identisch. Man ist lediglich mit zwei verschiedenen Arbeitshypothesen* zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Wenn sich solche Strukturen aber auf dieser Erde im ›System Natur‹ bekanntermaßen als wirksam, leistungsfähig und anpassungsaktiv erwiesen haben, so dürfen diese Erwartungen auch an analoge* Strukturen im ›System Gesellschaft‹ gestellt werden.
Allein deswegen ist Anarchie aber noch nicht ›ökologisch‹. Ohne Frage könnte man auch in hierarchiefreier Selbstverwaltung die Natur zerstören. Erst, wenn diese Strukturen konkret umgesetzt wären, ergäbe sich eine Gesellschaftsform, die ökologischen Notwendigkeiten weit mehr entspräche als die gegenwärtigen. Zum Tragen kämen sie erst, wenn sie mit einer entsprechenden Ethik ausgestattet global wirken könnten. Anarchie ist demnach nicht Ökologie, sondern schafft günstige Voraussetzungen zu deren Anwendung.

Anarchie: mehr als Überleben

Der Zustand der Menschheit auf diesem Planeten ist so bedrohlich geworden, daß jede Panikmache falsch wäre. Panik wird dem Ernst der Situation nicht gerecht; besonnenes Handeln schon eher.
Für die Menschheit geht es ums Überleben. Dafür braucht sie ganz offensichtlich andere Strukturen. Weder Umweltschutz, noch seine Extremform ›Ökodiktatur‹ sind auf Dauer mit der Natur kompatibel, weil sie deren Formen nicht begriffen haben und ihr nicht entsprechen.
Der Anarchismus aber will mehr als das bloße Überleben. Er hat sich nie mit der Sicherung der physischen Existenz des Menschen zufriedengegeben, deshalb ist er ja entstanden. Er wollte stets ein besseres Leben: frei, erfüllt, autonom, selbstbestimmt, lustvoll und menschenwürdig.
Diese beiden Interessen könnten angesichts der ökologischen und ökonomischen Sackgassen, in denen wir uns befinden, zusammenkommen. Die Menschheit braucht praktikable Überlebensstrategien: eine andere Art des Wirtschaftens, der Arbeitsteilung und der Arbeitsethik. Eine andere gesellschaftliche Organisationsstruktur, ein anderes Sozialverhalten. Und vor allem eine andere Ethik. Aber kaum jemand hat über radikal andere Modelle nachgedacht. Zum Beispiel, wie in einer Vollbeschäftigungsgesellschaft weniger statt mehr gearbeitet werden könnte oder wie eine Wirtschaft aussehen müßte, die Schrumpfen statt Wachstum anstrebt und die Natur am Leben läßt.
Die anarchistische Gesellschaftstheorie wäre in der Lage, hierfür Modelle anzubieten. Ihr überaus reicher Fundus an Ideen, Experimenten und Erfahrungen ist eigentlich zu schade, um fruchtlos zu verstauben. Eine Wiederentdeckung dieses vielfältigen Wissens um die Formen der Freiheit müßte indes nicht aus purer Liebe zum Anarchismus geschehen. Sollte es eine anarchistische Renaissance geben, dann wohl kaum, weil diese Ideen so perfekt, ihre Vertreter so toll und ihre Bewegung so faszinierend wären. Schon eher, weil seine Inhalte aus purer Not gebraucht würden. Zu entdecken wäre ein wertvoller Beitrag, der beim Überleben und beim Verbessern helfen könnte. Möglich, daß die Menschheit auch ohne ›den Anarchismus‹ auf ähnliche Strukturen kommt. Aber je länger das dauert, desto eher wird es zu spät sein. Möglich auch, daß zwar die Strukturen entdeckt werden, nicht aber die dazu passende Ethik. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Freiheitstaugliche Strukturen ohne Freiheit sichern vielleicht das nackte Überleben, bringen jedoch keine bessere Lebensqualität. Wer wollte das schon? Anarchisten jedenfalls nicht.

Ob nun die Zukunft an-archisch sein wird? Gewiß, denn die Natur wird weiter bestehen. Die Frage ist, ob der Mensch dann noch dabei ist. Falls ja, dann hat er die Chance, aus der an-archischen Struktur eine anarchistische Gesellschaft zu machen. Das wäre ihm sehr zu wünschen, denn er ist ein Lebewesen, das durchaus in der Lage ist, Freiheit zu genießen.