Buchbesprechung „Freiheit pur“

Von Andreas Jaeger

Der Untertitel des knapp 400 Seiten starken Buches ist Programm und Versprechen zugleich. Und soviel sei schon vorweg gesagt: Stowasser, dessen letztes Buch »Leben ohne Chef und Staat« das vielleicht am weitesten verbreitete deutschsprachige Buch über den Anarchismus ist, hält, was er verspricht. Im ersten Teil stellt er die Idee des Anarchismus in seiner ganzen Vielfältigkeit vor, vom unumgänglichen Ansprechen der landläufigen Bilder von AnarchistInnen als blutrünstigen BombenlegerInnen über anarchistische Kritik an den herrschenden Zuständen (Staat, Demokratie, Kommunismus, Patriarchat) hin zu den positiven Ideen, der Utopie (also andere Ökonomie, radikale Ökologie, Organisation usw.). Der zweite Teil erzählt in informativer und kurzweiliger Form die Geschichte des Anarchismus. Dabei widmet Stowasser auch den bis in die Antike zurückreichenden Frühformen der Anarchie Platz, um danach den (den einen mehr, den anderen weniger) bekannten Bogen zu spannen: Proudhon, Stirner, Bakunin, Pariser Commune, die »Propaganda der Tat«, Kropotkin, russische Revolution, Machno, Kommune von Kronstadt, Spanien (vorbereitet durch zwei globale Kapitel, eines über den Anarchosyndikalismus, eins über die Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg), Anarchismus in Deutschland.

Erfreulicherweise ist das noch nicht alles: zwar relativ knapp, aber immerhin handelt er auch den Anarchismus nach 1945 ab, inklusive natürlich dem Mai 1968, um dann zu einer Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation zu gelangen. Bis hierhin war es »nur« ein interessantes Buch über die Anarchie und ihre Geschichte (und damit schon empfehlenswert genug), aber für meine Begriffe ist die Bestandsaufnahme und der danach folgende dritte Teil des Buches, die Zukunft der Anarchie, Stowassers größtes Verdienst. Diese Kapitel geben Diskussionsanstöße und neue Impulse weg vom Widerstandsdenken, hin zu konstruktiver, gelebter Utopie; Abschied vom Warten auf »die Revolution«, Hinwendung zum Aufbau eines »Wurzelwerks« von Initiativen, Projekten, selbstverwalteten Betrieben usw., einer »Diffusion« anarchistischer Ideen in die Gesellschaft.

Zur Form: Stowassers Stil besteht darin, so zu schreiben, wie er spricht. Das hat den Vorteil, dass er den/die LeserIn nicht (wie einige andere theoretische Werke zum Anarchismus, und wie »wissenschaftliche Sprache« im allgemeinen) in ellenlangen, mit Fremdwörtern gespickten Sätzen ertrinken lässt, allerdings birgt es auch die Gefahr, zu sehr ins umgangssprachliche abzurutschen und somit platt zu wirken (ich empfand einige Stellen in »Leben ohne Chef und Staat« so). In »Freiheit pur« ist ihm die Gratwanderung geglückt und damit ein Buch entstanden, das auch von der sprachlichen Seite überzeugt; die Lektüre ist immer kurzweilig und angenehm verständlich, ohne Fremdwörter (besser: Fachausdrücke) angestrengt zu vermeiden. Wann immer er eines verwendet, ist es markiert und wird im Anhang erklärt.

Am Ende jedes Kapitels finden sich Literaturverweise, die andere Bücher zur gleichen Thematik nennen und zum Weiterlesen anregen sollen; bei einem kurzen Überblick habe ich den Eindruck gewonnen, dass dabei »Klassiker« genau wie neuere Werke angemessen berücksichtigt werden.

Für das Resümee kann ich mich eigentlich nur Normann Stocks Rezension in der Zeitschrift »Graswurzelrevolution« anschließen:

»( …) Stowasser hat alles gewagt und alles ist gelungen. ‚Freiheit pur‘ ist eine Einführung genauso wie eine Geschichte der Anarchie. Das Buch ist eine schonungslose Bestandsaufnahme des Gegenwartsanarchismus ebenso wie ein Anreiz zum Nachdenken über die Zukunft der anarchistischen Bewegung. Stowasser bietet sowohl den Unbeleckten, die bis dato von Anarchismus überhaupt nichts wussten, wie auch den alten Hasen, die sich nicht zu schade für Infragestellungen und Konfrontationen sind, einiges.
Von welchem anderen Buch kann das schon gesagt werden?
‚Freiheit pur‘ ist eine großartige Darstellung des Anarchismus (…)«


Andreas Jaeger


Eine Besprechung des „Freiheit Pur“-Nachfolgers „Anarchie!“ findet sich hier.